05. Juni – Throwbackmonday mit Wolfgang Amadeus Mozart

Es ist der 5. Juni 1770. Der erst 14-jährige Mozart absolviert seine erste, fulminant erfolgreiche Italienreise. Unterwegs legt er den Briefen seines Vaters Leopold (besprochen hier) immer wieder kleine Botschaften an seine geliebte Schwester, Nannerl bei. Der Ton ist vertraut, verspielt-schelmisch und entspricht so gar nicht dem Bild, das man einem musikalischen Ausnahmetalent, der der Legende nach das Grundgerüst der neunstimmigen Miserere von Gregorio Allegri nach bloß zweimaligem Hören fehlerfrei niedergeschrieben hat, zuschreiben würde. Apropos Schreiben: Die Orthographie war zwar im 18. Jahrhundert noch lange nicht dermaßen kanonisiert wie heute. Die fröhliche Mixtur aus Deutsch, „Soisburgarisch“, Italienisch und Französisch, die Mozart unter Außerkrafsetzung  sämtlicher Regeln nicht nur der Rechtschreibung, sondern auch der Syntax und der Textgestaltung einsetzte, überforderte jedoch fast schon die Kapazitäten meiner Autokorrektur. Beim Abschreiben des Textes musste ich um jedes Wort kämpfen, bis es von Word akzeptiert wurde. Irgendwann gab das System auf und quittierte meine Bemühungen um Authentizität mit dem entnervten Urteil „Zu viele Rechtschreib- oder Grammatikfehler, die nicht vollständig angezeigt werden können.“

Wolfgang_Amadeus_Mozart_Nannerl

Die unbekümmerte Schreibweise des jungen Genies  erinnerte mich an Sequenzen aus dem Film „Amadeus“, durch die ich das Bild Mozarts maßlos (ins Lustige) überzeichnet fand. Lese ich aber seine Briefchen an Nannerl, so erscheint mir die Darstellung von Milos Forman gar nicht mehr so überzogen.

Neapel, den 5ten  Junii 1770

Cara sorella mia.

Heunt raucht der Vesuvius starck, poz bliz und ka nent aini. haid homma gfresn beym H: Doll, des is a deutscha Compusiteur, und a brawa mo. Anjezo beginne ich meinen lebenslauf zu beschreiben. Alle 9 ore, qualche volta anche alle Dieci mi sveglio, e poi andiamo four di casa, e poi pransiamo d´un tratore e Dopo pranzo scriviamo et di poi sortiamo e ini ceniamo, ma che cosa? – Al giono die graßo, un mezzo pullo, overo und piccolo boccone d´un arosto, al giorno di magro, un piccolo pesce, e di poi andiamo à Dormire. Est ce que vous avez compris? Redma dofia Soisburgarisch don as is geschaida. wia sand got lob gsund, do Voda und i, ich hoffe du wirst dich wohl auch wohl befinden, wie auch die mama. Se viene un altra volta la sig: alouisia de scitenhofen fatte da parte mia il mio complimento. neapel und Rom sind zwey schlallstätte, a scheni schrift, net wor? Schreibe mir, und seye nicht so faul, altrimenti averete qualche bastonate di me. quel plaisir! Je te caßerei la tête. Ich freue mich schon auf die portrait, und i bi corios wias da glaich siecht, wons ma gfoin, so los i mi unden Vodan a so mocha. mädle, las da saga, wo bist dan gwesa he! gestern  waren wir in der compagnie mit den H: meuricofre, welcher sich dir und der mama empfehlt. Die opera dahier ist von Jomelli, sie ist schön, aber viel zu gescheid, und zu altvätterisch fürs theatro, die De amicis singt unvergleichlich, wie auch der aprile, welcher zu mailand gesungen hat, die tänze sind Miserabl pompos, das theater ist schön, der König ist grob neapolitanisch auferzohen, und steht in der opera allkeizt auf einen schämerl, damit er ein bissel grösser als die königin scheint, die königin ist schön und höflich, indem sie mich gewis sechsmahl in molo (das ist eine spazierfahrt) auf das freundlichste gegrüsset hat. die herschaften geben uns alle abend ihren wagen mit ihnen in den molo zu fahren. Sontag sind wir auf den Ball eingeladen worden, den der französisch gesandte gegeben hat. mehr kann ich nicht schreiben, an alle gutte freund und freundinen mein Compliment, leb wohl p:s: kus

Meinen handschus an die

Mama.

Wolfgang Mozart

den 5 Juni 1770

Wer hätte gedacht, dass der Verfasser obiger Zeilen noch in dem selben Jahr von Papst Clemens XIV. zum Ritter vom Goldenen Sporn geschlagen wurde? Mozart hat diesen Titel übrigens nie verwendet. Er wird schon gewusst haben, warum.

leopold-mozart

Die Zitate enstammen folgender Ausgabe: Mozart; Briefe und Aufzeichnungen, Gesamtausgabe; Herausgegeben von der Internationalen Stiftung Mozarteum Salzburg; Gesammelt und erläutert von Wilhelm A. Bauer und Otto Erich Deutsch; Bärenreiter Verlag, Kassel, 1962

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5 Gedanken zu “05. Juni – Throwbackmonday mit Wolfgang Amadeus Mozart

  1. Danke schön für diesen Nannerl-Brief, der die jugendliche Lebenslust von Wolferl dokumentiert wie die Geschwisterliebe. Darin scheint die Verständigung über die vielfältigen Sprachen hinweg geradezu pfingstlich möglich zu werden. Wer sich für den Sprach-Erwerb von Arabern, Persern oder Äthiopiern engagiert, weiß ein Lied davon zu singen, dass nicht alle Schreibergebnisse der Rechtschreib- und Grammatikprüfung entsprechen. Das Zitat von „Word“ finde ich köstlich. Mögen all die erbitterten Debatten um die Rechtschreibreformen im Licht neuerer Erfahrungen dazu führen, dass wir uns ebenso an die Lutherischen Beiträge zu Schrift und Sprache aus der Prä-Duden-Zeit erinnern wie im Alltag mit der Sprache gelassener umzugehen lernen. Noch eines fällt mir ein zu diesem bald 250 Jahre alten Brief: Welche SMS- und Social-Media- Kommunikationen werden in 250 Jahren erinnert werden? Schöne Grüße

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  2. Bin zum ersten Mal auf deinem Blog und lese gleich etwas über Mozart. Das ist ein toller Einstieg, denn ich bin ein großer Mozart-Fan. Meine beste Freundin und ich reisen oft nach Salzburg und da gehen wir dann jeden Abend auf ein Mozart-Konzert. Besser geht’s nicht… Und ja, Mozarts Musik ist definitiv leichtere Kost als seine Briefe…

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