Cosy fan tutte

“So machen es alle – Frauen!“

Das Konzept dürfte allen bekannt sein, die jemals das zweifelhafte Vergnügen hatten, „Treuetests“ auf kommerziellen Sendern lauschen zu dürfen: Einer ruft an, zweifelt an der Standhaftigkeit seiner Partnerin, diese wird mehr oder minder heimtückisch auf die Probe gestellt und – der Anrufer ist auf jeden Fall der große Loser. Denn er bekommt entweder schwarz auf weiß präsentiert, dass sie ihn bei Gelegenheit hintergeht oder – sollte sie den Test bestanden haben –  wundert er sich in der Regel, warum sie ihm nicht glücklich in die Arme fällt, sondern so richtig sauer ist. (Funktioniert mit umgekehrtem Gendering gleich erbärmlich).

Wer eine abendfüllende Version dieser Kalamitäten vorzieht, dem sei Mozarts Così fan tutte ans Herz gelegt – das Fieseste, was das Genre „Treuetest“ jemals hervorgebracht hat.

Der bösartige Don Alfonso peinigt 4 Stunden lang 2 wirklich unvorteilhaft gekleidete Mädels, die wegen der Einfältigkeit, Prahlsucht und Eitelkeit ihrer Liebsten schutzlos den sadistischen Einfällen des alten Zynikers ausgeliefert werden. Wen wundert´s, dass der Librettist kein Menschenfreund, sondern ein vom Priester zum Ehebrecher abgerutschter Mysogyn war.

Aber so böse wollen wir die Sache nicht angehen, denn erstens sind haarsträubende Libretti quasi systemimmanent in der Welt der Oper, zweitens entschädigt die wunderschöne Musik für so manch böse Einfälle und drittens wäre es nicht Mozart, wenn er den Entlarvkünsten Don Alfonsos nicht ein tiefes Verständnis und ehrliches, großzügiges Verzeihen gegenüberstellen würde. Sein Mitgefühl für das allzu Menschliche musste in seiner Zeit als höchst subversiv gelten – nicht umsonst tauchte er so Einiges in Situationskomik und tarnte sein Werk als Opera buffa.

Dieses bloß scheinbar Lustige greift der scheidende Intendant Sven-Eric Bechtolf in seiner Inszenierung auf und führt seine Künstler mal elegant mal derb (oft derb) mit einem fast schon sarkastischen Aberwitz durch ihre Höllenfahrt.

Aber alles der Reihe nach.

Wie jeden Sommer, freue ich mich auf Salzburg und auf das Festspielwochenende, das Kunst, Kultur, Kulinarik und – als Tribut an eine ausgeglichene Ehe – Wanderfreuden in den umliegenden Bergen verspricht.

Diesmal gibt es gleich am Freitag Abend hohe Kunst: Così fan tutte als Premiere, die eigentlich keine ist, da sie eine Wiederaufnahme der 2013-er Inszenierung darstellt (wenn auch stark verändert). Die Vorfreude ist groß.

In der Felsenreitschule angekommen gibt es eine kleine unangenehme Überraschung: der Sitzplatz meiner Besseren Hälfte liegt weit von meinem entfernt. Ich warte eine Weile und bekomme bald einen etwas irritierten Sitznachbar, der auch gerade von seiner Frau getrennt wurde. Auf meine Bitte hin erklärt er sich bereit, mit meinem Mann Platz zu tauschen. Er geht auf die Suche, kehrt jedoch nach einigen Minuten unverrichteter Dinge zurück: Mein Mann war nicht zu finden. Hat er vielleicht zwischenzeitlich auch mit jemandem Platz getauscht? Und was geht hier eigentlich vor? Eine Publikumsversion von Così fan tutte? Ich nehme mir vor, standhaft zu bleiben.

Die zweite unangenehme Überraschung, an der ich aber nicht ganz unschuldig bin, folgt bald: ich habe meine Brille vergessen. So werde ich von der Mimik der Sänger nicht viel mitbekommen und auch keine Chance haben, dem an die Wand gebeamten Text folgen zu können. Aber was soll´s – Libretti sind sowieso überbewertet und das Wichtigste ist ja die Musik.

Bald geht es los.

Die Bühne ist sehr groß, die 40 m Länge bietet ordentlich Platz für Stimmung und Bewegung und Augenblicke, in denen Abseits der Hauptszene diskret dargestellt werden kann, was man sonst nur erahnen könnte. In der Mitte grenzen 3 bemalte Paravents die Spielfläche ab –  man kommt mit 6 Sesseln, einer Couch und etwas Beiwerk aus – recht reduziert, aber mit historisch anmutendem Touch. Das Gleiche gilt für die Kostüme und die Begleitmusik, die das Mozarteumorchester Salzburg elegant und unaufgeregt aber mit manch hübsch gesetzten Pointen liefert.

Die Akustik kann in der Felsenreitschule zwar nicht perfekt sein – aber mich entschädigen dafür die hübsch in Szene gesetzten ehemaligen Zuschauerarkaden, in denen es sich so herrlich beeindruckend vorbeihuschen- vorbeischleichen, vorbeigehen oder vorbeischreiten lässt.

Überhaupt ist die Inszenierung sehr bewegungsfreudig. Der Sonderpreis für die meisten gelaufenen Meter gebührt im ersten Akt auf jeden Fall Don Alfonso (dafür kriegt er von mir aber mit Sicherheit keinen Fairplay Pokal!). Später holen die leidgeprüften Schwestern Fiordiligi (Julia Kleiter) und Dorabella (Angela Brower) ordentlich auf, wobei ein nicht unwesentlicher Teil ihrer Strecke auf das Oval um den Orchestergraben entfällt.

Ich habe ihre Kostüme anfangs zwar als unvorteilhaft beschrieben (sie tragen hinten wirklich sehr stark auf) – aber ab dem 2. Akt bin ich froh über den Schnitt. Die Kostüme sind lang und verhindern somit, dass unerwartete Einblicke die Musiker von ihrer Arbeit ablenken. Gleichzeitig erscheint der Catwalk um den Orchestergraben relativ schmal, sodass ich mich in einer Hallenbad-ähnlichen Situation wiederfinde, in der meine Mutterinstinkte jedes vorbeizischende Kind gerne stoppen und ihm dringend mit auf den Weg geben möchten: lauf nicht so schnell du könntest ausrutschen! Fiordiligi und Dorabella schaffen es aber: niemand wird verletzt.

Zumindest nicht beim Laufen – denn seelisch mutet Don Alfonso sowohl den Mädels als auch ihren leichtfertigen Freunden so Einiges zu. Manchmal ist es schmerzhaft, dies alles mitanzusehen – ist es vielleicht der Grund, warum Mozart immer wieder lustige Zwischentöne hineinstreut? Diese werden von der Regie erbarmungslos ans Licht gezerrt, sodass die mitfühlende Ironie gelegentlich ins Billige abzurutschen droht. Das finde ich zwar überflüssig, muss aber, gestehe ich, trotzdem lachen. Mein Nachbar lacht auch. Und ich bin mir sicher, dass Mozart auch lachen würde. Vor allem die beiden Freunde, Ferrando (Mauro Peter) und Guglielmo (Alessio Arduini) sind wahre Bewegungskünstler und entfalten eine große, fast kindliche Spielfreude.

Im Laufe des Abends stelle ich erfreut fest, dass ich die Texte eigentlich ziemlich gut verstehe – der jahrzehntelange konsequente Konsum italienischer und französischer Schnulzen hat sich wohl ausgezahlt. Vorbei die Zeiten, als ich, Schülerin der 5. Klasse, mit meiner 15 Schilling-Stehplatzkarte beim ersten Besuch in der Staatsoper bloß einen Satz in „Maria Stuarda“ verstand – „Parla, parla!“

Auf der Bühne sind inzwischen alle verwirrt. Kurz bilde ich mir sogar ein, Dorabella versuche gerade, sich mit einem Dolch zu erschießen. (Mein Mann klärt mich später auf, es war auch eine Pistole im Spiel, daher geistige Notiz an mich: nie wieder Brille vergessen.) Es werden neue Möbelstücke gebracht. Das Hammerklavier überzieht alles mit einem schönen historischen Dunst – und ich bin mir sicher, dass die Fachpresse die Nase rümpfen wird, es fehle an „Neuinterpretation“ und „aktuellen Bezügen“. Cosy fan tutte eben. Nun, allzu pointierten dramaturgischen Tiefgang darf man vielleicht wirklich nicht erwarten, aber es überzeugen Leichtigkeit, Eleganz, ein präziser Gesang und ehrliches Interesse an allen Nuancen, die Don Alfonsos grausamem Experiment Inne wohnen.

Am Ende, als die Liebe ad absurdum geführt wird, gibt es trotz „cosyness“ keine Verniedlichung: „Nichts wie weg“ heißt es, denn sie sind nicht zu ertragen, die Tiefen der eigenen Wankelmütigkeit. Don Alfonso hat seine aufklärerische Mission erfüllt und allen bewiesen, wie hinfällig die Liebe ist. Allein, wem nutzt er damit? So bleibt er, was er vor seinem Experiment schon war, ein ausgebrannter Zyniker – mit brutalster Didaktik.

Aber singen kann er. Und so wird ihm, wie dem Rest des Ensembles, applaudiert und erst jetzt tauchen die Handys auf und Fotos werden gemacht und dann stürmen Fernsehkameras den Saal und – es war ein schöner Abend.

Nach der Aufführung erhalte ich meinen Mann zurück und auch mein Sitznachbar wird an seine Frau retourniert. Così fan tutte reloaded? Mitnichten!

 

Fotos: © Salzburger Festspiele / Ruth Walz, Titelbild mit Bearbeitung

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