29. Mai – Throwbackmonday mit Franz Kafka

Es ist der 29. Mai 1920. Kafka ist seit dem Frühjahr auf Kur im sonnigen Meran. Hier sucht er Heilung von seinem Lungenleiden und Erholung für seine überempfindlichen Nerven. Die erhoffte Ruhe will sich jedoch nicht einstellen. Schuld daran ist unter anderem die hübsche, sehr selbstbewusste und emanzipierte Milena Jesenská, die mit ihrem Ehemann Ernst Pollak eine zerrüttete Ehe in Wien führt. Da dieser in erster Linie dem Kaffehausliteraten-Dasein frönt, obliegt es Milena, durch kleinere Publikationen und Übersetzungsarbeiten für das Haushaltseinkommen zu sorgen. Sie übersetzt unter anderem auch Kafka. Nach den ersten Briefkontakten entfaltet sich ein für Kafka typisches postalisches Liebeskonstrukt: Er bedrängt Milena mit zahlreichen exzentrischen, mal seligen, mal verzweifelten Briefen in denen er mit intellektuellen Leistungen, aber auch mit Selbstmitleid und Selbstzerfleischung um ihre Aufmerksamkeit buhlt.

kafka und milena

Meran, 29. Mai 1920

Liebe Frau Milena, der Tag ist so kurz, mit Ihnen und sonst nur mit ein paar Kleinigkeiten ist er verbracht und ist zu Ende. Kaum daß ein Weilchen Zeit bleibt an die wirkliche Milena zu schreiben, da die noch wirklichere den ganzen Tag hier war, im Zimmer, auf dem Balkon, in den Wolken.

Woher kommt die Frische, die Laune, die Unbekümmertheit in Ihrem letzten Brief? Hat sich etwas geändert? Oder täusche ich mich und helfen die Prosastücke dabei mit? Oder beherrschen Sie sich so und damit auch die Dinge? Was ist es?

Ihr Brief beginnt richterlich, ich meine das im Ernst. Und sie haben recht mit dem Vorwurf „ci ne tak docela pravdu“ (=oder nicht so ganz recht) so wie Sie im Grunde recht hatten hinsichtlich des „dobre míneno“ (=gut gemeint). Es ist ja selbstverständlich. Hätte ich voll und dauernd die Sorge so wie ich es geschrieben habe, ich hätte es über alle Hindernisse hinweg auf dem Liegestuhl nicht ausgehalten und wäre einen Tag später in Ihrem Zimmer gestanden. Die einzige Probe auf die Wahrhaftigkeit, alles andere sind Reden, dieses mit eingeschlossen. Oder Berufungen auf das Grundgefühl, dieses aber ist stumm und hat die Hände im Schoß.

Wie kommt es, daß Sie die lächerlichen Leute, die welche Sie beschreiben (mit Liebe und deshalb zauberhalft beschrieben) dann den welcher fragt und viele andere noch nicht satt haben. Sie haben doch zu urteilen, die Frau urteilt doch am Ende. (Die Sage von Paris verdunkelt das ein wenig, aber auch Paris urteilt nur darüber, welcher Göttin Schlußurteil das stärkste ist.) Es käme ja nicht auf die Lächerlichkeiten an, es könnten nur Lächerlichkeiten des Augenblicks sein, die dann im Ganzen ernst und gut werden, ist es diese Hoffnung, die Sie bei diesen Menschen hält? Wer kann sagen, daß er die geheimen Gedanken der Richterin kennt, aber ich habe den Eindruck, daß Sie die Lächerlichkeiten als solche verzeihen, verstehn, lieben und durch Ihre Liebe adeln. Während doch diese Lächerlichkeiten nichts anderes sind als das Zick-Zack-Laufen der Hunde, während der Herr querdurch geht, nicht gerade mitten durch, sondern genau dort, wo der Weg führt. Aber es wird trotzdem ein Sinn in Ihrer Liebe sein, das glaube ich fest (nur fragen und es sonderbar finden, muß ich.) und es fällt mir, um nur eine Möglichkeit dessen zu bekräftigen, ein Ausspruch eines Beamten aus meiner Anstalt ein. Vor einigen Jahren war ich viel im Seelentränker auf der Moldau, ich ruderte hinauf und fuhr dann ganz ausgestreckt mit der Strömung hinunter, unter den Brücken durch. Wegen meiner Magerkeit mag das von der Brücke aus sehr komisch ausgesehn haben. Jener Beamte, der mich eben so einmal von der Brücke sah, faßte seinen Eindruck, nachdem er das Komische genügend hervorgehoben hatte, so zusammen: Es wäre wie jener Augenblick gewesen, da die Sargdeckel schon abgehoben waren, die toten aber noch stillagen.

Einen kleinen Ausflug habe ich gemacht (nicht jenen großen, den ich erwähnt habe und der nicht zustande kam) und war fast drei Tage fast unfähig vor (einer nicht unangenehmen) Müdigkeit etwas zu tun, selbst zu  schreiben, nur gelesen habe ich, den Brief, die Aufsätze, öfters, in der Meinung, daß solche Prosa natürlich nicht um ihrer selbst willen da ist, sondern eine Art Wegzeiger auf dem Weg zu einem Menschen, auf einem Weg, auf dem man immer glücklicher weitergeht, bis man in einem hellen Augenblick erkennt, daß man ja gar nicht weiter kommt, sondern nur in seinem eigenen Labyrinth noch umherläuft, nur aufgeregter, verwirrter als sonst. Aber jedenfalls: das ist keine gewöhnliche Schreiberin, die das geschrieben hat. Ich habe danach zu Ihrem Schreiben fast so viel Vertrauen wie zu Ihnen selbst. Ich kenne (bei meiner geringen Kenntnis) im Tschechischen nur eine Sprachmusik, die der Bozena Nemcova, hier ist eine andere Musik, aber jener verwandt an Entschlossenheit, Leidenschaft, Lieblichkeit und vor allem einer hellsichtigen Klugheit. Sollten das erst die letzten Jahre hervorgerufen haben? Schrieben Sie auch früher? Sie können natürlich sagen, daß ich lächerlich voreingenommen, aber voreingenommen nur durch das, was ich nicht erst in den (übrigens ungleichen, stellenweise durch die Zeitung schädlich beeinflußten) Stücken gefunden, sondern wiedergefunden habe. Die Minderwertigkeit meines Urteils können Sie aber gleich daran erkennen, daß ich, durch 2 Stellen verführt, auch den zerschnittenen Modeaufsatz für Ihre Arbeit halte. Sehr gern würde ich mir die Ausschnitte lassen, um sie wenigstens noch meiner Schwester zu zeigen, aber da Sie sie gleich brauchen, lege ich sie bei…

Ihren Mann habe ich wohl anders beurteilt. Er schien mir in dem Kaffeehauskreis der verläßlichste, verständigste, ruhigste, fast übertrieben väterlich, allerdings auch undurchsichtig, aber nicht so, daß das Vorige dadurch aufgehoben worden wäre. Respekt hatte ich immer vor ihm, zur weiteren Kenntnis hatte ich weder Gelegenheit, noch Fähigkeit, aber Freunde, besonders Max Brod hatten eine hohe Meinung von ihm, das war mir dann immer gegenwärtig, wenn ich an ihn dachte. Besonders gefiel mir zu einer Zeit seine Eigenheit in jedem Kaffeehaus am Abend einigemal antelephoniert zu werden. Da saß wohl jemand statt zu schlafen beim Apparat, dämmerte hin, den Kopf auf der Rückenlehne und schreckte von Zeit zu Zeit auf um zu telephonieren. Ein Zustand, den ich so gut verstehe, daß ich vielleicht nur deshalb davon schreibe.

Im übrigen gebe ich Stasa und ihm recht; allem was mir unerreichbar ist, gebe ich recht, nur wenn niemand zusieht, gebe ich im Geheimen Stasa mehr Recht

Ihr FranzK

Was meinen Sie? kann ich noch bis Sonntag einen Brief bekommen? Möglich wäre es schon. Aber es ist unsinnig, diese Lust an Briefen. Genügt nicht ein einziger, genügt nicht ein Wissen? Gewiß genügt es, aber trotzdem lehn man sich weit zurück und trinkt die Briefe und weiß nichts als daß man nicht aufhören will zu trinken. Erkären Sie das, Milena, Lehrerin!

Im Mai werden die Briefe noch per Sie geschrieben, ab 12. Juni geht er zum vertrauten Du über. Im Sommer besucht er Milena in Wien. Die briefliche Liebesorgie hält bis zum Herbst an. Auf die schriftlichen Beteuerungen einer einzigartigen Zusammengehörigkeit folgen jedoch bald Zweifel und im November der oft schon zelebrierte Rückzug. Kafka beendet die Beziehung und die exzessive Korrespondenz. Die freundschaftliche Beziehung zu Milena bricht jedoch bis zu seinem frühen Tod nicht ab. Vor seinem Tod 1924 werden noch einige verzweifelte Briefe gewechselt. 1923 ist auch für Milena ein sehr schwieriges Jahr, sie lässt sich scheiden, nimmt Drogen und unternimmt sogar einen Selbstmordversuch.

milena jesenska

1927 heiratet Milena wieder. Sie wird politisch aktiv und tritt der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei bei. Sie wird jedoch später ausgeschlossen, da sie, als richtiger Freigeist, es sich nicht nehmen lässt, Kritik am Stalinismus zu üben.

Nach der Okkupation der Tschechoslowakei schließt sie sich der Widerstandsbewegung an und wird 1939 von der Gestapo verhaftet. Ihr Lebensweg endet tragisch im KZ Ravensbrück, wohin sie zwecks „Umerziehung“ gebracht wird. Sie erhält die Häftlingsnummer 4711 und wird von ihren Mithäftlingen mit dem Spitznamen 4711- Kölnisch Wasser bedacht. Ein irgendwie passendes letztes Geschenk an eine Frau, die emanzipiert und tapfer ihren Weg ging, sich nicht beirren ließ und bis zuletzt für Ihre Überzeugungen einstand.

Die Zitate entstammen folgender Ausgabe: Briefe an Milena; Franz Kafka; Erweiterte und neu geordnete Ausgabe, herausgegeben von Jürgen Born und Michael Müller, Fischer Taschenbuchverlag, 2004, Frankfurt am Main

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