Griaßdi am Pogusch

Eine kulinarische Liebeserklärung.

Die Bessere Hälfte und ich sind unterwegs in die Steiermark und entsprechend gut gelaunt. Das Wetter ist zwar nicht perfekt, dichte Wolken verhüllen die Sonne, aber regnen wird es wahrscheinlich nicht, so werden wir vor der geplanten Einkehr beim Wirtshaus am Pogusch einen ausgedehnten Spaziergang machen können.

Gleich nach dem Semmering starten wir unsere traditionelle Radio Steiermark Challenge: halten wir das musikalische Angebot 4 Songs hindurch aus? Und gibt es auch diesmal die empririsch schon oft belegte Reihenfolge: Schnulze – 50er Jahre Hit – Italo-Song auf Deutsch – Schnulze? Der Sender belehrt uns eines Besseren. Das Konzept wurde, nach wer weiß wie vielen Jahren, ziemlich stark umgekrempelt: Green Day braucht man zwar nicht erwarten aber immerhin wurde die Schnulzendichte zurückgefahren und die 50-er Jahre Dominanz mit bis zu 30 Jahre jüngeren Hits aufgeweicht. Wir prüfen noch einmal, ob wir nicht irrtümlich auf Radio Wien geschaltet haben, aber nein – dies wird auch bald von den Nachrichten, die das Konzept Regionalität mehr als penibel auslegen, belegt. So fahren wir, von Hiobsbotschaften aus der großen weiten Welt unbehelligt, fröhlich dahin und erzielen hörfunktechnische Rekordwerte.

Nach der Abfahrt von der Autobahn schaltet die bessere Hälfte in Steirerbua-Modus um und kostet jede einzelne der nicht zu wenigen Kurven bis zur Neige aus, sodass ich, knappe 10 Minuten später am Pogusch angekommen, eine ähnliche Gesichtsfarbe wie die alpine Vegetation aufweise. „Ist was?“ fragt er absolut unschuldig und mit einer Miene, die, würde man ihn nicht kennen, als „authentisch besorgt“ durchgehen könnte. „Du weißt, dass ich bloß einen Flachlandmagen besitze“ antworte ich gequält. „Aber auch von dem nur ein Basismodell“ fügt er fröhlich hinzu. „Oder gleich ein Montagsmodell“ ergänze ich zerknirscht.

Aber die Übelkeit vergeht schnell und das Herz geht auf beim Anblick der wunderschönen Hügellandschaft mit den majestätischen Bergen im Hintergrund. Wir machen uns auf zu einer kurzen Wanderung und die Wettergötter scheinen unsere Begeisterung zu honorieren, denn die Sonne kommt hervor und taucht die Berge und Wiesen in ein dramatisches Licht – wir atmen die frische Herbstluft ein und die Bessere Hälfte benennt alle Gipfel rund herum, legt mir den Hochschwab quasi zu Füßen, voller stolz auf seine Heimat, die so viel Schönes zu bieten hat.

pogusch-landschaft

Wir gehen an frisch geschorenen Schafen vorbei, von denen viele Lämmer haben – diese folgen ihren Müttern noch etwas ungeschickt auf dünnen Streichholzbeinchen. Einige der Muttertiere sind hell, mit schwarzen Nachkommen – ob das eine besondere Symbolik besitzt? Wie dem auch sei, die Szene wirkt überaus idyllisch.

Trotz der verführerischen Natur lenken wir unsere Schritte bald wieder bergab, denn Hunger steigt auf. Wir können es schon kaum erwarten, im Steirereck am Pogusch zu sitzen. Wir kommen immer wieder sehr gerne hierher. Die wunderschöne Naturkulisse und die unaufgeregte, ehrlich bodenständige Küche, die anspruchsvolle aber keineswegs aufdringliche Innenausstattung sind für uns das Sinnbild echter Qualität und einer Tradition, die man in Städten immer seltener findet.

Vor etwas mehr als zwanzig Jahren war das Steirereck am Pogusch noch ein kleiner Bauernhof, auf dem Lämmer für das Wiener Restaurant gezüchtet wurden. Das Betreiben eines Wirtshauses hat sich im Laufe der Zeit quasi natürlich ergeben. Und das Lokal ist trotz Ruhm und Ehre und einer Buchungslage, die eine Reservierung viele Wochen im Vorhinein erfordert, das geblieben, was es immer schon war: ein Wirtshaus, in dem Qualität, Regionalität und Nachhaltigkeit keine Marketingslogans, sondern gelebte Werte sind.

Hier wird das gegessen, was die Natur gerade anzubieten hat: Alles zu seiner Zeit und nicht alles zu jeder Zeit. Denn hier weiß man noch um das Geheimnis, dass jedes Obst, jedes Gemüse und jedes Fleisch „seine“ Zeit und „seinen“ Ort hat. Aber wer den Respekt und die Geduld aufbringt, mit der Saison zu gehen und sich vollkommen auf die Natur zu verlassen, wird mehr als fürstlich belohnt.

Aber zu Beginn gibt es schon einmal den berühtem Wurzelspeck. Als Begleitung wird frisches dunkles Hausbrot gereicht. Wir schneiden dicke Scheiben ab und langen gleich tüchtig zu. Und der Speck schmeckt genauso köstlich-würzig, wie in unserer Erinnerung. Den ersten Hunger gestillt, kann man gleich die Speisefolge besprechen.

Die Bessere Hälfte plant ein gemeinsames Beef Tartare – ich erwidere, dass eine Vorspeise jetzt, nach der Wurzelspeck-Orgie vielleicht etwas zu viel wäre. Man muss umsichtig planen, um auch die Dessertkarte auskosten zu können. Also gut, keine gemeinsame Vorspeise. Wir studieren die Speisekarte und nun ja, ich weiß nicht, wie es dazu kommt, aber als der Kellner uns nach unseren Wünschen fragt, bestellen wir beide jeweils eine eigene Vorspeise und Hauptspeise. Genius loci eben.

Inzwischen haben wir auch unsere Weine erhalten. Einen Pinot Noir von Piriwe und einen leichten Sauvignon Blanc aus der großen Flasche. Diese eignen sich besonders gut als Begleitung für den restlichen Wurzelspeck, mit dem sich die Wartezeit bis zum Erhalt der Vorspeisen gut überbrücken lässt. Denn dies dauert etwas länger. Und jetzt muss ich einen der sehr wenigen Kritikpunkte am Pogusch einbringen: personalmäßig ist das Wirtshaus etwas dünn besetzt, was gelegentlich zu Stresssituationen führt, mit denen nicht alle Kellner gleich gut umgehen können.

Aber die Vorspeisen kommen irgendwann: ein marinierter Bachsaibling mit Kürbis und Pimentkörnern und ein Herbst Salat mit Kürbis, Trauben, Nüssen, Pilzen und Eiskraut. Der Saibling ist genauso zart und aromatisch, wie er sein soll. Mein Salat dagegen ist ein wenig zu süß geraten. Nun muss ich hier einstreuen, dass ich in meinem Bekanntenkreis fast legendär bin für meine Fähigkeit, in kürzester Zeit unglaubliche Mengen an Süßigkeiten verputzen zu können, ohne einen Zuckerschock zu bekommen. Vielleicht verstoße ich mit dieser Mitteilung zwar gegen das Gebot der Bescheidenheit, nicht jedoch gegen jenes der historischen Korrektheit. Und vor diesem Hintergrund ist es fast schon beachtlich, dass mich der herbstliche Salat von der Süße her fast schon ein wenig überfordert. Aber ich hoffe stark, dass meine Geschmacksnerven sich während des Hauptganges beruhigen werden.

Dieser ist exquisit: Spitzpaprika gefüllt mit pikantem Paprika-Paradeis Gemüse & Schafkäse-Quinoa. Eigentlich ist es nur ein warmes Zwischengericht, was aber mehr als perfekt in die Speisefolge passt, denn die Bessere Hälfte realisiert, genau in dem Augenblick, als ihm sein opulentes Latschenhendl serviert wird, dass er ca. 1/4 kg Wurzelspeck im Magen hat und folglich etwas Unterstützung braucht. So widme ich dem Hendl meine Aufmerksamkeit und habe gleich mein Aha-Erlebnis: der Name kommt von den Latschenzweigen, mit denen es serviert wird und nicht etwa als Beschreibung für die möglicherweise etwas ungünstige Art des Huhnes, zu gehen – was meine erste Vermutung war.

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Die Latschen riechen unglaublich intensiv, wir schnuppern an ihnen und haben gleich einen ordentlichen Weihnachts-Flash. Gut so – denn ich kann es schon kaum erwarten, bis Ende November kommt und ich mit dem traditionellen Weihnachtslied-Terror loslegen kann. Aber vorerst genießen wir das köstlich-knusprige Latschen-Buttermilch Hendl und mir macht es wirklich nichts aus, aushelfen zu müssen.

Jetzt muss noch die Nachspeise ausgewählt werden. Die Bessere Hälfte kokettiert mit einem Vorarlberger Käsesortiment, wobei er sich, in Anbetracht der Sättigungslage und seiner bescheidenen Leistung beim Latschenhendl, für die kleinere Version mit 5 Sorten entscheidet. Mich möchte er zu einer Maronischnitte mit Popcorn-Eis überreden. Ich verhandle beinhart: „Ich bestelle die Maronischnitte nur dann, wenn du versprichst, zumindest die Hälfte zu übernehmen – sonst reicht mir ein Sorbet“. Es kommt, wie es kommen muss, wenn man mit jemandem verheiratet ist, dessen tägliches Brot Verhandlungen sind: Ich bestelle die Maronischnitte, bei der er nur ein wenig kostet – dafür verputze ich fast 3 von seinen 5 Käsestücken. Diese sind nämlich dermaßen… gehaltvoll… dass es wirklich unmenschlich wäre, hier einen Alleingang von ihm zu erwarten.

Die Maronischnitte übertrifft übrigens alle Erwartungen. Und auch das Popcorn-Eis, eine kulinarische Kategorie, der ich nie in meinem Leben zu begegnen erhoffte und unter der ich auch recht wenig vorstellen konnte, schmeckt mehr als köstlich.

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Wir sind sehr zufrieden, sehr gut drauf und sehr satt.

Mittlerweile füllt sich das Wirtshaus immer mehr: bald bricht die Zeit für das „Restl.Essen“ an: ein Konzept, bei dem sichtbar wird, wie sehr Nachhaltigkeit hier am Pogusch wirklich gelebt wird. Vor den betriebsfreien Tagen Montag bis Mittwoch werden am Sonntag Abend alle frischen „Restl“ in Form eines 3-gängigen Überraschungsmenüs zu einem Freundschaftspreis von € 9,90 angeboten – günstiger kann man Spitzenqualität wohl nirgends genießen. Für das Restl.Essen werden keine Reservierungen entgegengenommen. Hier gilt „first come first served“ und das Angebot wird von Jung und Alt aus der Gegend und von weitem her mehr als begeistert aufgenommen. So einfach kann man Nachhaltigkeit, Bodenständigkeit und Qualität fernab von elitärem Gehabe zelebrieren.

Bevor wir gehen, kaufen wir noch etwas Wurzelspeck für zu Hause – ein Mitbringsel, das sich unter Freunden und Bekannten hoher Beliebtheit erfreut.

Die Bessere Hälfte gibt sich auf der Fahrt sehr verständnisvoll und zeigt, dass auch ein Steirerbua es durchaus versteht, steile Kurven ganz sanft anzusteuern. Nach dem köstlichen Mahl kommt mir seine Aufmerksamkeit mehr als gelegen.

Auf wiedersehen Pogusch! Bis zum nächsten Mal.

Wirtshaus Steirereck, Pogusch 21, 8625 Turnau

+43 3863 2000 / +43 3863 5151

http://www.steirereck-pogusch.at

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3 Gedanken zu “Griaßdi am Pogusch

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