31. Oktober – Throwbackmonday mit Hermann Hesse

Es ist der 31. Oktober 1911. Hermann Hesse ist in Singapur unterwegs – er begleitet seinen Freund, den Maler Hans Sturzenegger auf seiner Asienreise, die über Genua, Neapel, Bab el Mandeb, Colombo und Kuala Lumpur bis nach China führt. Dort besuchen sie Sturzeneggers Bruder, der die väterliche Firma in Singapur betreut. Die Reise bietet Hesse die lang herbeigesehnte Möglichkeit, Indien kennenzurlernen, das Land, in dem einst seine Eltern und Großeltern missioniert hatten. Die Reise ist auf der einen Seite zwar recht ernüchternd; die ungewohnten Lebensmittel, klimatischen Bedingungen und hygienischen Zustände fordern ihren Tribut, sodass Hesse und Sturzenegger früher als geplant, nach nur 3 Monaten, heimkehren. Die Erlebnisse inspirieren Hesse jedoch zu seinen von tiefem kulturellen Verständnis geprägten Werken wie Siddhartha oder Morgenlandfahrt und lassen ihn zum Befürworter eines auf Gleichberechtigung basierenden west-östlichen Dialoges werden.

Sein Tagebucheintrag vom 31. Oktober bietet eine bunte Beschreibung des unmittelbaren Erlebten – und da Hesse seine Singapur-Erlebnisse etwas später auch in einem kleinen Aufsatz aufarbeitet, haben wir die einzigartige Möglichkeit, die Entwicklung von rein privaten Aufzeichnungen zu einem literarischen Text mitzuverfolgen.

Singapur, 31.10.1911

Sonnig, stechend heiß. Vormittagsbummel durchs nahe Chinesenviertel, ungeheuer belebt und dabei fast still, oft an Italien erinnernd, aber regsamer und ohne das kindische Gebrüll, mit dem in Italien jeder Streichholzbub seine Bagatelle ausschreit. Leider kann ich mit den Leuten kaum reden und erreiche wenig; ein malayischer Straßenhändler nahm mir den kleinen Koran, den ich kaufen wollte, wieder aus der Hand und gab ihn für kein Geld her. Da und dort sah ich chinesische Drucker an der Straße auf Holzplatten chinesische Lettern stechen, äußerst rasch, exakt und geschickt, aber es gelang mir nirgends, für Geld einige Abzüge… zu bekommen, auch keine Bilder. Ich sah eine Reihe von Tierläden, wo lebende Affen, Eichhörnchen und namentlich Hunderte von Papageien, Kolibris, Wachteln und andern Vögel feil waren. Ein Chinese ließ sich den ganzen Rücken barbieren. Die Chinesen haben ziemlich ausnahmslos braune Augen. Schlosser und Schmiede, Korbflechter, Garköche, auch fliegende Eßwarenhändler, die ihr Feuerherdchen mit sich herum trugen, eine runde geschlossene Welt, die uns nicht braucht. Kolossale Hitze. Mittags plötzlich Regen. Zu Tisch kam Brandt, und ich ging mit ihm in sein Geschäft, wo Sturzenegger malte und wo ich die großen Haufen von Perlmuscheln sah, die bei Japan, den Philippinen etc. gefischt und von Chinesen hierher verkauft werden. Brandt ging mit mir und half mir Bilder, Flöten etc. einkaufen, wir gingen in den tausendfigurigen chinesischen Tempel, wo wir überall Zutritt fanden. Ich bekam sogar, etwas teuer freilich, einige heilige Stäbchen, Ablaßbriefe etc. verkauft. Die Stäbchen stehen in diversen Vasen auf dem Altar, werden von den Gläubigen genommen und gegen eine Art Ablaßzettel umgetauscht. Schöne, groteske Figuren und Reliefs, zwei Bassins mit heiligen Schildkröten…

Abends wollte ich mit den Brüdern Sturzenegger in die Star Opera, doch war dort nichts Neues los, wir kehrten um und gingen in den Kinematographen Alhambra, kamen nach 11 heim und wollten schon zu Bett, als Hasenfratz kam. Da es der letzte Abend mit ihm war, nahmen wir einen Whisky miteinander und fuhren zu dritt wieder durch die Chinesenstadt. Diese Nachtfahrten oder Gänge in die Chinesenstraßen sind jedesmal wieder großartig. Die chinesischen Bordelle, die sehr hübsch aussehen, scheinen nur für Gelbe zu sein, wir wurden nur von den Chinesinnen angerufen und eingeladen; für die Weißen sind in andern Straßen, Bordelle mit Japanerinnen da. Übrigens soll die Mehrzahl der Freudenhäuser, die eine sehr hohe Rente geben, (portugiesischen oder französischen) Missionspatres gehören.

Und nun Auszüge aus dem literarischen Text, in dem insbesondere der letzte Satz mehr als bekannt anmutet:

Spazierenfahren

Nichts Schöneres als bei gutem Wetter in Singapur spazieren zu fahren! Man nimmt ein Rikschawägelchen, setzt sich hinein und hat nun außer der übrigen Aussicht immerzu den beruhigenden Blick auf den Rücken des ziehenden Kuli, der im Takt seines wiegenden Trabes auf- und niederhüpft… Am Abend ist… das schräg einfallende Licht voll Gold und Wärme, vom Meer weht frisch der duftende Wind, aufatmende Menschen fahren vergnügt in weißen Kleidern spazieren und spielen Ballspiele auf grünen, flachen Plätzen, deren Rasen im Abendlicht edelsteingrün leuchtet. Und nachts, da fährt man in die Esplanade ein wie in eine Zauberhöhle, in den kleinen Lücken zwischen den Baumkronen hängen grünfunkelnd die Sterne, im selben kühlen Feuer schimmern die Schwärme der Leuchtkäfer, und auf dem Meere schwimmt mit tausend roten Augen die geheimnisvolle Lichterstadt der Schiffe…

Plötzlich sind wieder Häuser da, man fährt an Werkstätten, Läden und ernsthaftem Chinesenbienenleben vorüber, vergoldetes Porzellan und hellgelbe Messingwaren glänzen in Schaufenstern, fette indische Händler sitzen auf niederen Ladentischen zwischen Haufen von Seidenstoffen oder lehnen neben Schaukasten voll Diamanten und grünen Jettsteinen. Das heftige Straßenleben erinnert wohlig an italienische Städte, entbehrt aber völlig des wahnsinnigen Gebrülls, mit dem in Italien jeder Streichhölzerbub seine Bagatelle ausschreit…

Quelle: Hermann Hesse: Aus Indien – Aufzeichnungen, Tagebücher, Gedichte, Betrachtungen und Erzählungen; Suhrkamp, 1980

siddhartha-indien

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