Dichtung und Wahrheit – die Advent-Advent Verschwörung

Jedes Fest hat seine Mythen. Rituale, die ihre besondere Strahlkraft vermutlich daraus beziehen, dass sie nur einmal im Jahr zelebriert werden. Und sollten sie, nach einer langen Zeit der Vorfreude, den Erwartungen auch ein wenig hinterherhinken, so hat man anschließend 12 Monate Zeit, um die Erinnerungen wieder auf Hochglanz zu polieren.

Dies alles soll aber keineswegs sarkastisch verstanden werden. Vielmehr steht eine gesunde Portion Selbstironie im Vordergrund. Ich bin nämlich die Erste, die sich mit voller Überzeugung in Vorfreuden aller Art stürzt, auch wenn ich weiß, dass Dichtung und Wahrheit oft auseinanderliegen.

So auch in der Adventzeit. Und in der Zeit davor, im grauen November, in dem man dem Advent entgegenfiebert. Nennen wir ihn Advent-Advent. Der November ist ein komischer Monat. Vom Wetter her bietet er wenig Sympathisches: kalte Winde, Nebel und die ersten Erkältungen der Saison. Aber es liegt trotzdem etwas in der Luft: Die ersten Weihnachtslichter erscheinen in der Stadt, Adventmärkte werden aufgebaut und bald ist es soweit: man darf Kekse backen, Geschenke verstecken, Kaffee-Sondersorten trinken und überall schallt „Driving home for Christmas“ aus dem Radio. Aber die 4 Wochen bis dahin sind so unglaublich lang! Wie sie überbrücken?

stadt

Da wäre einmal das Martinifest. Und mit ihm der erste Mythos, den ich liebevoll die

Martinigansl-Verschwörung

nenne. Denn im Ernst: Gänse haben auf dem Tisch, so finde ich, nichts verloren. Sie sind irgendwie zäh aber dann auch wieder fett und für die Knochenmenge, die sich auf dem Teller häuft, auch wenig ergiebig. Kein Wunder, dass sie während des restlichen Jahres nur selten zubereitet werden.  Aber im November freuen sich alle, wirklich alle darauf, wieder einmal „Gansl essen“ zu gehen. Ich gehöre auch zu den Unbelehrbaren. Und muss jedes Jahr wieder lachen, dass ich mir das antue. Aber irgendwie verselbständigt sich die Stimmung vom kulinarischen Genuss und überstrahlt alles. Ist es vielleicht wegen St. Martin, eines der sympathischsten Heiligen? Oder wegen der Erinnerungen an die Kindheit, in der man mit der Laterne in der Hand durch die Straßen zog? Oder gar wegen der Erinnerung daran, wie die eigenen Kinder ihre Laternenliedchen sangen?  Ich weiß es nicht. Man sitzt vor dem zähen Gansl und ist glücklich. Jahr für Jahr.

Heuer haben wir uns das Gansl übrigens erwandert. Am Tag davor hat es schon ein wenig geschneit. Wir sind über einen kleinen Berg zur 8 km entfernten Ortschaft marschiert, die Sonne schien, unterwegs glitzerte eine dünne Schneeschicht auf den Bäumen.

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Es war bitterkalt, aber bis wir den Hügel erklommen haben (300 Höhenmeter in 40 Min), passte die Betriebstemperatur, sodass ich sogar meine Handschuhe ausziehen musste. Auf dem Plateau angekommen herrschte eisiger Wind – so hüllte ich mich wieder in Haube und Kapuze. Die Bessere Hälfte schritt stark verkühlt, aber mit einer halb offenen Jacke voran. Früher hätte ich vielleicht den Fauxpas begangen, ihm kleidungstechnische Tipps zu geben. Aber jetzt kenne ich die Regel Nr. 1: Sag niemals, wirklich NIEMALS zu einem Steirer, er solle sich einen Schal umlegen. Das würde der schlimmsten Beleidigung gleichkommen. Denn Steirer, so das Eigenbild, sind temperaturresistent. Und daran sollen Kleinigkeiten wie Minusgrade oder eine Verkühlung, oder die Fürsorge einer Ehefrau nicht rütteln. Also habe ich nicht gerüttelt. Keiner hat gerüttelt – nur der Wind an den Bäumen, sodass kleine Schneebällchen auf uns herabprasselten, als hätten uns unsichtbare Wichte zu einer kleinen Schneeschlacht verführen wollen.

Bis wir im kleinen Gasthaus ankamen, hatten wir schon ordentlichen Hunger. Ob es daran lag, an den Schneeflocken oder an der Sonne, weiß ich wirklich nicht, aber noch nie hat mir ein Gansl so gut geschmeckt.

martinigansl

Ich werde sie trotzdem im Auge behalten. Die Martinigansl-Verschwörung.

Kommen wir aber zum nächsten Mythos, zu jenem der glücklichen

Weihnachtsbäckerei

Hier das allgemein verbreitete, mythische Bild: Pausbäckige Kinder mit hübschen (und sauberen!) Schürzen, eine lächelnde Supermom mit gepflegten Fingernägeln, die unter Mitwirkung des postfeministisch geprägten, auf partnerschaftliche Arbeitsteilung eingestellten Familienvaters hübsche kleine Dingerchen kreieren.

Keine Rede von der alles überdeckenden Mehlschicht, der zerschnittenen Arbeitsplatte, den überall pickenden Butterklümpchen, dem durch exzessive Wassereinwirkung abgeblätterten Nagellack und den doch etwas fragwürdigen Ergebnissen, in denen man nur mit viel Kreativität die Kreationen aus den Kochbüchern wiedererkennt.

Wer so eine Einstellung hat, hat in der voradventlichen Küche nichts verloren –  so bietet mir die Bessere Hälfte jedes Jahr an, die Bäckerei mit den Kindern zu übernehmen. Ich darf dieser aus sicherer Distanz beiwohnen und mich anschließend an den Aufräumarbeiten beteiligen. Da wir von meiner Schwiegermama ohnedies sehr viele und sehr gute Kekse bekommen, soll unsere Bäckerei eher symbolischen Charakter haben – die Kinder dürfen jeweils ein Rezept aussuchen.

weihnachtsgeback

Das Projekt wird von der Besseren Hälfte koordiniert. Die Weihnachtslichter für eine glanzvolle Einfassung des Unterfangens wurden „testweise“ bereits Anfang November angebracht und sollen, laut Aussage der Besseren Hälfte, NICHT in Zusammenhang stehen mit dem Stromausfall, der die ganze Straße lahmgelegt hat. Ein Schelm wer Böses dabei denkt. Schließlich haben wir eine Baustelle in der Nähe.

Die Kinder stöbern vergnügt im Weihnachtskochbuch. Die 15-Jährige, die ausgesprochen pragmatisch veranlagt ist, entscheidet sich für Nuss-Honig Plätzchen. Das geht schnell. Gefühlte 200.000 kcal zusammenmischen, Teig kneten, rollen, rasten lassen, aufschneiden, backen – ab in die Keksdose!

Die Fast Volljährige ist jedoch eine Idealistin und sucht sich Zimtsterne aus. Sterne! Mit Zacken! 6 Stück pro Keks – merken wir uns diese Zahl für später. Sie erörtert den Plan auch mit der Oma, die als Einzige der Eingeweihten sofort die Lage begreift: hier handelt es sich nicht um ein Keks, das gestochen wird, sondern um eines, welches in eine Silikonform gefüllt werden muss. Da wir eine solche Form nicht besitzen, stattet sie die Fast Volljährige gleich mit dem Teufelszeug aus. Dünn, in der Signalfarbe rot und mit 24 Sternformen. Merken wir uns diese Zahl für später.

Die Bessere Hälfte bereitet die Teige am Freitag Abend mit den Mädchen vor – sie sollen bis Samstag Abend ruhen, um dann im Zuge eines besinnlichen Abends zubereitet zu werden. Ich versuche korrigierend einzugreifen, denn der Plan hat einen Haken. Gemäß den uns selbst auferlegten (aber, so finde ich, nicht ganz demokratisch bestimmten) Restriktionen dürfen wir nämlich noch keine Weihnachtslieder hören. Umsonst bemühe ich mich das Argument durchzubringen, dass es jeglicher Logik entbehrt, unsere gesamte Umgebung mit Lichtorgien heimzusuchen und in Zimt- und Vanillewolken einzuhüllen, uns aber gerade in meiner Lieblings-Weihnachtsterror-Disziplin, jener der Lieder, zurückzuhalten. Mein Antrag auf vorzeitige X-Mas-Song-Erlaubnis wird abgelehnt. Kein „Have Yourself a Merry Little Christmas“, kein „Let it snow, let it snow, let it snow“. So wird die Weihnachtsbäckerei auf ihr ureigenstes Wesen reduziert und zeigt, was sie wirklich ist – eine langwierige Plackerei.

Aber das hält die Bäckertruppe nicht vom gut gelaunten Start ab: Die Bessere Hälfte und die Mädchen versammeln sich um den Küchentisch und die Honig-Nuss-Plätzchen werden im Handumdrehen zubereitet. Ich ziehe mich, gemäß unserer Vereinbarung, in meine Bibliothek zurück und warte auf den Projektabschluss, um bei den Aufräumarbeiten zu helfen. Die Idylle ist vollkommen: fröhliche Kinderstimmen und zackige Anweisungen in der Küche, ich auf meiner Leseliege, hinter mir das warme Licht der Weihnachtsgirlanden. 20 Minuten lang befinde ich mich im schönsten Vorweihnachtsmärchen. Dann geht aber plötzlich das Weihnachtslicht aus – es wird von einer Zeitschaltuhr geregelt – und da praktischerweise auch meine Leselampe an den gleichen Verteiler angeschlossen wurde, habe ich kein Licht zum Lesen. Die Bessere Hälfte kommt aber gerade hinauf, um mir das erste Plätzchen zu zeigen, so kann ich ihm von dem Lichtproblem berichten. Er begutachtet die Lage mit ernster Miene. „Deine Zeitschaltuhr ist eine Zicke“, so sein fachmännisches Urteil. Er doktert eine Weile herum, das Licht geht wieder an, er zieht mit sichtbarem Stolz ab. Ich genieße wieder die Idylle, bis 10 Minuten später wieder das Licht ausgeht. Ich möchte die Bessere Hälfte nicht erneut stören und die kapriziöse Zeitschaltuhr auch nicht verpetzen, so sitze ich eine Weile im Dunklen und träume sanft vor mich hin. Meine Geduld wird belohnt, denn in 5 Minuten geht das Licht wieder an. Weitere 10 Minuten später sitze ich aber nochmals im Dunklen. Ein Schelm wer Böses dabei denkt, denn man könnte schon hinterfragen, warum meine Leselampe an die als „Zicke“ verrufene Zeitschaltuhr angeschlossen werden musste – aber ich stelle keine Fragen, sondern begebe mich in die Küche.

Dort unten ist die Situation ein wenig angespannt. In der letzten knappen Stunde wurden insgesamt 48 Zimtsterne zubereitet, der Teig jedoch wird, anders als im Kochbuch angegeben, nicht etwa 60, sondern ca. 170 Stück ergeben. Das bedeutet, noch 120 Sterne mit 720 Zacken vollstreichen, 120-mal Zuckerglasur drüber und nach dem Backen 720 Silikon-Zacken von Miniaturbröseln befreien. SO! Da haben wir es, die hässliche Fratze der Weihnachtsbäckerei. Die Bessere Hälfte ist müde. Die jüngere Tochter täuscht dringenden Weiterbildungsbedarf im Bereich der Mathematik vor, bleibt aber in Sichtweite, um in Notfällen aushelfen zu können. Die Fast Volljährige ist jedoch nach wie vor super drauf. Das macht ja nichts, meint sie mit strahlendem Gesicht, auch wenn es länger dauert, wir kreieren etwas – und das gemeinsam! So helfe ich ihr beim Befüllen der Sterne und ihr Vater übernimmt den Zuckerglasur-Dienst. Während die Sterne im Ofen verweilen, können wir uns alle erholen und anschließend wasche ich die Form ab. Das wiederholt sich 6-mal. Aber die Fast Volljährige hat Recht, irgendwie ist es schön.

In der Zwischenzeit hat ihr Vater auch Zeit genug, sich die verhaltensauffällige Zeitschaltuhr in der Bibliothek anzusehen. Nach längerem Hin- und Her steht die Diagnose fest: sie war auf „random“ gestellt. Ich sage es ja: Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Um 23:30 sind auch die letzten Zimtsterne fertig. Die Bessere Hälfte ist schon so müde, dass man seine Augen nur mehr erahnen kann. Die Ähnlichkeit zwischen den Zimtsternen und ihren Hochglanz-Vorgaben ist zwar relativ schwach ausgeprägt, aber die Kinder sind happy und nun ja, wir waren zusammen und haben etwas kreiert und ich bin mir sicher, dass wir nächstes Jahr auch noch Kekse backen werden.

So werden die Mythen Jahr für Jahr weitergegeben und verfestigen sich immer stärker durch neue, glitzernde Erinnerungsschichten. Und wenn alles gut geht, gibt es 2017 wieder eine wunderbare Advent-Advent Zeit mit Martinigansl, Weihnachtslichtern und -Bäckerei, in Erwartung des Dezembers, wo die Verschwörung dann mit den

Adventmärkten

weitergeht.

Grausliche Kälte, Schlangenstehen für lebensmitteltechnisch absolut unvertretbare Getränke zu überteuerten Preisen, explodierende Bevölkerungsdichte auf engstem Raum, fragwürdige Interpretationen vormals besinnlichen Liedgutes – und wir werden da sein, mit erfrorenen Fingern und verbrühten Lippen und wir werden glücklich sein, wie jedes Jahr.  Aber das ist eine andere Geschichte.

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3 Gedanken zu “Dichtung und Wahrheit – die Advent-Advent Verschwörung

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