Ode an mein E-Bike

Habt ihr jemals davon geträumt, eines Morgens aufzuwachen und plötzlich – sagen wir mal – Ballett tanzen zu können?

Alles begann mit einer Radtour nach Mödling – einem Ausflug, der, in der Schilderung meiner besseren Hälfte ein sanftes Gleiten über romantische Weinberge, (was Berge? Hügelchen natürlich), laue Frühlingsluft und Vogelgezwitscher verhieß – wer könnte da Nein sagen?

Also schwang ich mich in den Sattel des liebevoll organisierten Nextbikes, das zwar mit einem romantischen Körbchen ausgestattet aber wohl eher für einen kurzen, prätentiösen Trip auf den nächstgelegenen Bio-Markt konzipiert war – korpulent, mit einer schwerfälligen Schaltung und nicht gerade offroad-tauglichen Reifen. Aber egal! Das Rad war hübsch, die Sonne schien und die Vögel zwitscherten.

In Pfaffstätten begann ich zu schnaufen. In Guntramsdorf begann ich ihn zu hassen.  In Gumpoldskirchen hasste ich mein Leben. Danach hatte ich keine Kraft mehr, irgendetwas zu empfinden.

In Mödling angekommen erhielt ich natürlich das heuchlerischste aller Angebote „Schatz, wenn du es nicht schaffst, können wir gerne mit dem Zug zurückfahren“ – der einzige Satz, mit dem er sichergehen konnte, mich zur Rückfahrt auf 2 Rädern zu bewegen. Er wusste es, ich wusste es. Wir lächelten und radelten. Zumindest hat mich die Empörung ob des billigen Tricks so weit gestärkt, wieder negative Schwingungen aussenden zu können.

Der traurige Höhepunkt des Nachmittages war es, als mich ein wenig sportlich bekleideter Herr überholte, ein an sich netter Opa-Typ, der von seinem Alter her wohl die Geburt der Zwölftonmusik miterlebt haben konnte.

Der auffrischende Gegenwind auf den letzten Kilometern war nur mehr die obligatorische Draufgabe – ich konnte es mir nicht verkneifen, Mutter Natur für die stilsichere Ironie Tribut zu zollen.

Grundsätzlich zähle ich mich nicht zu den vollends unsportlichen Menschen – aber wenn es eine Sportart gab, die ich so richtig von Herzen hasste, dann war es das Radeln. Was Menschen dabei toll fanden, in einer gebückten, nackenkillenden Haltung, ausgestattet mit einer fragwürdigen Windelhose, frisurfeindlichem Helm und sichteinschränkender Sportbrille sich landauf, landab abzumühen, ging mir nicht in den Kopf.

Heute weiß ich es. Es ist die Liebe. Zu deinem Mann, zu Freunden – ja, Letzteres war der Grund für den 2. Ausflug, der mich in die Wachau führte. Gleiches Konzept. Liebe, Nextbike, Hügel, vorübergehendes sehr betrübtes Verhältnis zu allen Lebewesen der Welt – aber diesmal wenigstens eine von vornherein eingeplante Schiffs-Rückfahrt auf der Donau, die ich, während sich die leeren Weinflaschen auf dem Tisch der fröhlichen Gruppe sammelten, im komatösen Schlaf in bester Obdachlosen-Manier verbrachte.

Am Ende dieses Tages, als unsere feinfühligen Freunde mich ob meines etwas schwachen postsportlichen Aktivitätsniveaus mit dem Argument trösteten, mein Nextbike sei nicht so leicht zu fahren, wie ihre Profigeräte, ließ meine bessere Hälfte, quasi nebenbei, die Information fallen, der Zwölfton-Opa von damals sei auf einem E-Bike unterwegs gewesen.

WHAT?!!!

Einige Tage später standen wir im Geschäft eines ehemaligen Profiradlers, der – nach seiner kurzen Zweitkarriere als Dopingsünder der Nation – eine neue Existenz als überaus kompetenter, freundlicher und netter Radhändler aufgebaut hatte. Er bat alles: verschiedene Modelle, exakte Beschreibungen mit einem Haufen Fachwörtern, die ich nicht verstand, gute Ratschläge und noch mehr Erklärungen – aber eines hatte er nicht: ein Rad in der richtigen Farbe. Das wurde von mir in dieser Form zwar nicht kommuniziert, der Kauf jedoch fürs Erste vertagt.

Wieder einige Tage später standen wir im Geschäft eines anderen ehemaligen Profiradlers, der – nach seiner kurzen Zweitkarriere als Dopingsünder der Nation – eine neue Existenz als überaus kompetenter, freundlicher und netter Radhändler aufgebaut hatte. Er bat alles: verschiedene Modelle, exakte Beschreibungen mit einem Haufen Fachwörtern, die ich nicht verstand, gute Ratschläge und noch mehr Erklärungen – und das war mir alles soooo egal, als er das Modell seiner Wahl vorführte und mein Herz einfach „Klick“ machte und alles im Licht der Liebe erstrahlte… es war nur mehr der schöne matte Lack da und die Reifen und der Sattel…

Es gibt sie also. Liebe auf den ersten Blick.

Endlich kann der Traum meines Mannes in Erfüllung gehen. Er auf seinem Mountainbike und ich auf meinem E-Mountainbike hinterher, ohne Angst, nicht mithalten zu können, ohne Panik, ohne Hass.

Gemeinsam erkunden wir Täler und Berge, Wälder und Wiesen, wir sehen soooo viel Schönes und Einzigartiges und ich bin so glücklich, wenn wir es wieder mal auf einen Berg schaffen (wobei ich den Motor eigentlich kaum dazu schalte – aber allein zu wissen, dass ich es könnte, wenn ich wollte…). Oder der Stolz, wenn wir einen matschigen Waldweg herunterschaffen und mein Rad so richtig badass daherkommt.

Und mein Nacken? Wird sich wohl an die ungemütliche Haltung gewöhnen müssen!

Und die unwürdige Radlerhose? Als die Minderjährige mich das erste Mal in voller Montur sah, stand der Schock ihr ins Gesicht geschrieben: „Du hast es doch nicht vor, in dieser… Windelhose… auf die Straße zu gehen?“ Und ob!

Es gibt zwar kritische Stimmen, die meinen neuen Schatz als Omagefährt beschreiben, aber wen kümmerts? Wahre Liebe braucht keine Zustimmung von Außen!

Habt ihr jemals davon geträumt, eines Morgens aufzuwachen und plötzlich – sagen wir mal – Ballett tanzen zu können? Nun, die Erfahrung mit einem E-Bike, die muss dem sehr nahekommen.

Advertisements

4 Gedanken zu “Ode an mein E-Bike

  1. Der dicke Mann hat mir zu Liebe ein Liege-Tri-Bike von Toxy erworben. Da kann ich schön hinten drauf sitzen, während er sich vorn abstrampelt. Ich gucke in die Gegend und wenn er anfängt zu schnaufen, trete ich vielleicht ein paar Runden mit. Wenn er lieb ist. Wozu hat er schließlich Pedelec?
    Velophile Grüße aus dem Garten 🙂 😀

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s