Tu felix Austria – die hohe Schule der Chuzpe

Einer der liebenswerten Züge österreichischen Gemeinwesens ist die Nonchalance, mit der unliebsame Verordnungen und Verbote umgesetzt werden.

Während in Deutschland die besten Hotels noch ihre qualmenden Gäste unerbittlich auf die Straße schicken, wo sie ihrer Bestimmung zugeführt werden, zwar nicht an Lungenkrebs dafür aber an Lungenentzündung zu sterben – können Nikotinabhängige in Österreich mit ziemlicher Sicherheit davon ausgehen, bei Regen und Wind diskret platzierte Aschenbecher im Barbereich zu finden. Klar gibt es bald Qualm in der Lobby und manche ärgern sich auch darüber, aber – und das ist das Schöne an dieser Unmutsarithmetik – der Ärger hält sich meist in Grenzen – keiner ist so richtig unglücklich darüber.

Die Grenzen haben eine gewisse Elastizität und die Durchsetzung der Verbote ist entsprechend laissez faire. So gibt es zwar Konflikte, aber wenig Todunglückliche und kaum Eskalationen.

Die Registrierkassenpflicht entwickelt sich mit ähnlichen Tendenzen. Eine ellenlange Liste der Ausnahmen, die keiner mehr überblickt – ergänzt von zahlreichen nicht-Umsetzungs-Varianten, die mit unterschiedlichem Charmefaktor zelebriert werden. Von der schlichten, mit trotziger Miene absolvierten Nichtbeachtung, über den Klassiker der Handheld-Magier „die Batterie ist gerade alle, wollen Sie noch etwas warten“ bis hin zu meinem persönlichen Favoriten „Ihr ausgedruckter Kassabon wurde bei der Theke hinterlegt“.

Auch in anderen Geschäftsbereichen ist es erstaunlich, wie gemütlich Gebote interpretiert werden. Mögen manche AGB noch so streng daherkommen, es ist, als ob einigen Punkten ein unsichtbarer Zwinker-Smiley anhaften würde. Sie werden konsequent missachtet – und die Missachtung akzeptiert. Man strebt schon eine gewisse Ordnung an – aber nicht um den Preis, Kunden zu verärgern.

Nicht anders ist es mit der Allergenverordnung – einer Initiative, die leidgeplagten Allergikern zu Gute kommen sollte aber das bittere Schicksal teilt, von allen abgelehnt zu werden. Von den Wirten, da zu aufwendig und von den Betroffenen, da zu unzuverlässig. Heutzutage, wo sogar manch Fernsehzeitung mit „Angaben ohne Gewähr“ arbeitet (als ob sie Angst hätten, von enttäuschten Fans wegen seelischer Grausamkeit verklagt zu werden, sollten diese wegen einer Fehlangabe 5 Minuten „Soko Donau“ verpassen) ist es naheliegend, dass sich keiner blind auf abstrakte und somit fehleranfällige Angaben verlässt, zumal wenn die eigene Gesundheit auf dem Spiel steht. Wirkliche Allergiker suchen immer das Gespräch mit dem Wirt und das ist gut so.

Ich selber fragte mich schon mal, aus welchen Zutaten wohl ein Eierspeis ohne „C“ für Eier bestehen soll. Eine besonders raffinierte und sparsame Zubereitung aus Wasser und Eiweißersatz? Oder schlichte Schlamperei? Ist es wirklich lebenswichtig, so wird sich keiner darauf verlassen, das fehlende „C“ als Eingeständnis mangelnder kulinarischer Qualität zu interpretieren – der Gang zum Koch ist so gut wie sicher.

Die Schwächen der Verordnung kennend lächelt man verständnisvoll, wenn man in der Boykottsektion landet. Da gibt es rabiate Wirte, die die Unmöglichkeit der Kennzeichnung auf kunstvoll gestalteten Schautafeln kundtun. Weniger anspruchsvolle, die auf allgemeine Erklärungen in abgegriffenen Plastikhüllen verweisen. Dann gibt es den gemütlichen „Ordner im Eck“ und den oft wirklich engagierten Aufruf, persönlich mit dem Wirt oder dem Koch zu reden.

Die Exekutive scheint auch nicht gerade hysterisch. So beklagte sich zwar ein Wirt in einem Radiointerview* über den hohen Strafrahmen und forderte dessen Herabsetzung, musste aber auf die Frage des Reporters einräumen, noch nie von einer verhängten Strafe gehört zu haben. Tu felix Austria entspanne!

Gleichzeitig stellte der Landwirtschaftsminister eine mit der Gesundheitsministerin bereits abgestimmte Abänderung in den Raum. Als der Reporter einwarf, Frau Oberhauser hätte ihm mitgeteilt, über eine Abänderung dezidiert nie mit ihrem Ministerkollegen gesprochen zu haben, wurde dieser nicht etwa verlegen, sondern meinte lapidar, dann „müsse er eben noch mehr mit ihr sprechen“. Chuzpe also auf beiden Seiten. Tu felix Austria lache.

Die Allergenverordnung plätschert dahin. Wie immer, haben sich die Wogen geglättet, die rigorosen Bestimmungen so lange neu interpretiert, bis man lernte es als Erfolg zu sehen,  dass diese es überhaupt schafften, den Status „unverbindliche Richtungsempfehlung“ hinter sich zu lassen. Denn die Nonchalance, sie hat Zeit. Und steigt immer als Sieger empor. Irgendwie sympathisch, dieses Fehlen allzu scharfer Kanten.

Nachtrag: Die stilvollste Stellungnahme erlebte ich beim Steirereck im Stadtpark. Hier wurden, als Gruß aus der Küche, 14 hübsche Allergenhäppchen präsentiert. Ob als Zeichen stillen Widerstandes,  bewusstseinsbildende Maßnahme oder Qualifikationsrunde für Gäste – das war nicht zu ergründen. Nachdem ich alle 14 gesund überstanden hatte,  durfte ich weiteressen.

*Ö1 Mittagsjournal, 19.07.2016

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