24. Oktober – Throwbackmonday mit Ernest Hemingway

Es ist der 24. Oktober 1929. Die wilden Zwanziger haben sowohl Hemingway als auch Fitzgerald nach Paris gelockt – sie gehören zu jenen jungen Schriftstellern, die einen mondänen Lebensstil pflegen und rastlos zwischen den Kontinenten pendeln. Fitzgerald ist zu diesem Zeitpunkt bereits ein berühmter Schriftsteller, Hemingway steht am Beginn seiner Karriere und feiert mit seinen Kurzgeschichten erste kleine Erfolge.

Die beiden, sowohl charakterlich als auch literarisch sehr unterschiedlichen Amerikaner haben sich 5 Jahre zuvor kennengelernt. Sie pflegen eine innige, aber zugleich von subtiler Rivalität überschattete Männerfreundschaft. Sie schätzen einander als Künstler und diskutieren untereinander ihre Werke. Trotzdem kommt es zwischen ihnen immer wieder zu Auseinandersetzungen, die mit feiner Spitze ausgetragen werden.

Dieses subtile Ringen miteinander wird gelegentlich von einer gemeinsamen Bekannten, Gertrude Stein angestachelt.

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Sie hat den Ruf eines Genies und obwohl ihr einziges kommerziell erfolgreiches Buch noch auf sich warten lässt, wird ihre Meinung von der jungen Generation hoch gehalten. Ihre Freundschaft zu Hemingway ist zu dieser Zeit schon recht belastet – so stichelt sie gegen ihn und es ärgert den doch recht eitlen Hemingway, wenn er in seinem Brief an Fitzgerald auch versucht, ihn vom Gegenteil zu überzeugen.

Paris, 24. Oktober 1929

Lieber Scott:

Eben kam Dein Brief, und ich nutze einen ordentlichen Kater, um ihn zu beantworten.

Ich war über nichts von dem, was Du gesagt hast, verärgert… Geärgert habe ich mich nur über Deine Weigerung, das aufrichtige Kompliment anzunehmen, dass G. Stein dir gemacht hat, und über Deinen Versuch, es in eine abschätzige Bemerkung zu verdrehen. Sie hat Dich mir gegenüber ganz unwahrscheinlich gelobt, und als Du dazukamst, fing sie an, es zu wiederholen, und dann am Ende des Lobgesangs sagte sie, um Dir einen roten Kopf zu ersparen und mich nicht vor denselben zu stoßen, dass unsere Flammen (sic) vielleicht nicht dieselben seien – und darüber brütest Du dann nach -…

Was den Vergleich unserer Art zu schreiben angeht – so hat sie nichts dergleichen gesagt – sondern nur, Dein Talent sei wie ein unwahrscheinlich brüllender Hochofen, während meines nur ein kleiner sei, was besagen sollte, dass ich hundertmal härter arbeiten muss, um Vergleichbares zu produzieren – und um Dich nicht geradeheraus zu loben und mich fertig zu machen, sagte sie dann, damit sage sie nicht, dass die Flamme von derselben Qualität wäre. Wenn du sie bedrängt hättest, würde sie Dir auf eine direkte Frage geantwortet haben, dass sie Deine für besser halte als meine.

Natürlich stimme ich dem nicht zu – noch weniger als Du -, weil Vergleiche zwischen nicht existierenden Dingen wie hypothetischen „Flammen“ die reinste Pferdescheiße sind – und jeder Vergleich zwischen Dir und mir ebenfalls Mist – wir haben an völlig verschiedenen Fronten angefangen – hätten uns, außer durch Zufall, nie kennengelernt, und als Schriftsteller haben wir nichts gemein außer dem Verlangen, gut zu schreiben. Wozu also Vergleiche anstellen und von Überlegenheit sprechen – wenn Du mir gegenüber unbedingt ein Gefühl der Überlegenheit haben musst, schön und gut, solange ich mich Dir gegenüber weder über- noch unterlegen fühlen muss – So was kann es unter ernsthaften Schriftstellern gar nicht geben – Sie sitzen alle im selben Boot. Ein Konkurrenzkampf innerhalb dieses Bootes – das auf den Tod zufährt – ist etwas genauso Albernes wie Sport an Deck treiben – Der einzige Wettstreit ist der, das Boot überhaupt zu erreichen, und der findet ganz in einem selber statt. Du bist auf dem Boot, aber Du wirst empfindlich, weil Du deinen Roman noch nicht beendet hast – das ist alles – ich habe Verständnis dafür, und Du könntest noch viel empfindlicher sein, und es würde mir nichts ausmachen…

Gertrude wollte ein Rennen zwischen Hase und Schildkröte veranstalten und nahm mich als Schildkröte und Dich als Hasen, und Du wolltest natürlich, als bescheidener Mann und Klassiker, die Schildkröte sein – in Ordnung, Schildkröte, ganz wie Du willst – ist sowieso alles Quatsch –

Ich mag es, wenn Gertrude mich runterputzt, weil das meine Selbsteinschätzung unten hält – weit unten…

Sieh Dir an, was das alles für ein Mist ist – schlicht gesagt, habe ich das Schreiben von Dir gelernt – in Town und Country von Joyce – in der Chic Trib von Gertrude – wobei ich die Autoritäten Dos Passos, Pound, Homer, Mc Almon, Aldous Huxley und E. E. Cummings ganz außer Acht lasse – und dann meinst Du, ich sollte mir keine Sorgen machen, wenn jemand sagt, ich besäße keine Vitalität – ich mache mir keine Sorgen – Wer in Paris besitzt Vitalität? Die Leute schreiben nicht mit Vitalität – sie schreiben mit ihren Köpfen – Wenn ich gut in Form bin, habe ich keine Lust zu schreiben – dann fühle ich mich zu gut! G.S. ist nie mit uns nach Schruns oder Key West oder Wyoming oder sonst wo hin gefahren, wo man in Form kommt – Wenn sie mich niemals in Form gesehen hat – Wozu mich aufregen? Wenn man Dich runterputzt, lass Dich von den Hieben antreiben –

Na ja, werde nichts mehr davon schreiben – tut mir leid, dass Du beunruhigt warst – Du warst nicht unfreundlich.

Mit lieben Grüßen Dein

Ernest

 Was Hemingway in seiner Katerstimmung nicht ahnen kann: am nächsten Tag bricht der Schwarze Freitag über die Börse in New York herein. Die Weltwirtschaftskrise hinterlässt tiefe Spuren in Amerika aber auch in Europa. Das goldene Zeitalter endet abrupt und inmitten der Massenverelendung versiegt auch das Interesse an Fitzgeralds Büchern, in denen er sich vornehmlich den seelischen Verflechtungen einer gehobenen Gesellschaftsschicht widmet. Sein Meisterwerk Tender is the night (Zärtlich ist die Nacht) findet kaum mehr Anklang und während er auch privat harte Zeiten durchmacht, gerät er als Schriftsteller in Vergessenheit. Hemingways Bücher wiederum, die sehr viel Kraft und Vitalität ausstrahlen und immer wieder die Männlichkeit im Angesicht der Niederlage thematisieren, werden immer gefragter. Sein Ruhm wächst und die Freundschaft zu Fitzgerald bleibt irgendwann auf der Strecke.

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Den ungekürzten Brief und die gesamte Korrespondenz gibt es in: Scott Fitzgerald und Ernest Hemingway, Wir sind verdammt lausige Akrobaten – Eine Freundschaft in Briefen, übersetzt von Werner Schmitzt und Benjamin Lebert, Hoffmann und Campe, 1. Auflage 2013

Und für alle, die noch mehr über diese spannende Männerfreundschaft erfahren möchten: Lange nach dem Tod Fitzgeralds beschreibt Hemingway in A Moveable Feast (Paris – ein Fest fürs Leben) seine erste Begegnung mit ihm und ihre ersten gemeinsamen Tage.

Wer sich für Gertrude Stein interessiert, dem kann ich ihr wunderbar ironisches Buch: The Autobiography of Alice B. Toklas ans Herz legen. Ein Buch, in dem es so gar nicht um Alice B. Toklas geht, dafür jedoch auf jeder Seite gefühlte 20x der Name Gertrude Stein fällt. Unter den zahlreichen Darstellungen berühmter Künstler findet man auch eine nicht gerade schmeichelhafte Beschreibung Hemingways, für die er sich später mit einer legendären Widmung „A bitch is a bitch is a bitch“ an Gertrude Stein bedankt.

 

 

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6 Gedanken zu “24. Oktober – Throwbackmonday mit Ernest Hemingway

  1. Der Briefwechsel liegt hier auf einem kleinen Stapel der Bücher, die ich noch zu Fitzgerald lesen will. Obwohl ich Hemingways Meisterschaft natürlich anerkenne, ist mir Fitzgerald tatsächlich der Liebste 😉 Danke für die Erinnerung an den Stapel. LG und einen wunderbaren Tag, Bri

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  2. Diese Freundschaft, und die damit verbundene Rivalität, ob Hemingway sie zu gibt oder nicht, ist faszinierend. Und auch die Rolle von Gertrud Stein in beider Leben finde ich erstaunlich. Ich habe ihre „Autobiographie“ gelesen, fand ihren Stil aber nicht leicht. Diese fruchtbare Periode in Paris wird wohl nie ihre Faszination verlieren.

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