China in your hand

3CityWave in Wien

Mein Vater, der so ziemlich das Gegenteil von einem California Boy ist, hatte in jungen Jahren ein Hobby, das ihn zumindest freizeittechnisch in die Nähe dieser sonnengebräunten Typen rückte: seine große Leidenschaft galt dem Surfen. Er war zwar kein Wellenreiter, aber immerhin ein Windsurfer. Wann immer es genug Wind gab, hieß es: Surfbretter und Segel raus, rauf aufs Auto und los geht’s. Und Dank eines eigens angefertigten Sturmsegels kamen auch meine Schwestern und ich – in jungen Jahren noch mit relativ bescheidenen Muskelkräften gesegnet – in den Genuss, kleinere und größere Seen und Meere auf dem Surfbrett zu meistern. Wir hatten sogar unseren eigenen kleinen Dry-Shirt-Contest: Die Herausforderung war, den ganzen Tag auf der Adria auf dem Brett zu verbringen, ohne einen peinlichen Zwischenfall, vom Surfbrett zu fallen. Ob´s andere auch so cool fanden, war uns egal: wir kamen uns sehr lässig vor.

In späteren Jahren setzten wir uns alle unterschiedliche Schwerpunkte im Leben – das Surfen blieb eine schöne Erinnerung, angesiedelt wie so viele andere Erlebnisse im farbenprächtigen aber etwas verschwommenen Reich der Kindheit.

Bis ich eines Tages, schon weit über 30, während des traditionellen Familienurlaubs Surfbretter am Beach entdeckte. Meine Neugierde ließ mir keine Ruhe – ob ich die Bewegungen von vor 15-20 Jahren immer noch konnte?  Das musste natürlich getestet werden! Zwar wusste ich, dass meine Muskelkraft seit den Dry-Shirt-Contest-Tagen nicht wirklich maßgeblich zunahm, genierte mich aber, um eine Kinderausrüstung anzusuchen. So hielt ich bald einen riesigen Gabelbaum mit dem dazugehörigen Monstersegel in der Hand und näherte mich, mit wackeligen Beinen auf dem Brett balancierend, dem Punkt, den ich als Mindestziel für die erste Wende definiert hatte. Unglücklicherweise erblickte ich gleichzeitig riesige Quallen im Wasser – die aufsteigende Panik half mir, alle physischen und psychischen Kräfte zu mobilisieren, eine schnelle, wenn auch verkrampfte Halse hinzulegen und das Land mit fast trockenen Füßen zu erreichen. Spaßfaktor vernachlässigbar, aber immerhin überlebt!

Einige Jahre später, diesmal schon die magischen 40 hinter mir, gab es einen erneuten Versuch, diesmal auf den Malediven. Das kristallklare Wasser bot die unvergleichlich schöne Möglichkeit, allerlei Fischen, die sich im Wasser tummelten, zuzuschauen. Noch dazu war das Wasser besonders seicht, was ein Sicherheitsgefühl vermittelte – was könnte einem hier schon zustoßen?

Dabei – haben wir nicht alle schon gelernt, dass man seichten Dingen niemals sein Vertrauen schenken sollte? Darüber könnte nun auch mein Mann länger referieren, der gerade der fehlenden Wassertiefe zum Opfer fiel. Fällt man nämlich auf den Malediven vom Surfbrett, so versinkt man nicht im Wasser und kann mit etwas Pech vom Mast auf den Kopf getroffen werden, was gleich eine stark blutende Platzwunde verursacht. Kein schönes Gefühl, wenn man gerade am Tag davor vom Tauchlehrer hörte: vor den Malediven-Haien brauche man keine Angst haben, außer man trage blutigen Fisch auf seinem Gürtel mit sich. Ob das Blut nun von einem Fisch oder aus dem eigenen Kopf tröpfelt, wird den Haien wohl egal sein – so blieb meinem Mann nichts Anderes übrig, als sich auf seinem Surfbrett möglichst klein zu machen und der roten Verfärbung des Wassers zuzuschauen – während ich, abermals von Panik beseelt, Richtung Land surfte, um Hilfe zu holen. Diese traf auch prompt ein und die Kopfwunde wurde vom Inselarzt, der auf seinem Schreibtisch nonchalant das Buch „Crash course in surgery“ liegen ließ, feinstens versorgt. Wir waren tapfer. Mein Mann zuckte nur ganz wenig mit den Wimpern, ich sackte erst nach den erfolgreichen Nähmanövern zusammen und futterte in den folgenden Tagen alle Kopfwehtabletten, die er erhielt.

An diesem Punkt gab es eigentlich nur mehr eine Kleinigkeit, die in meiner Surferkarriere noch fehlte: Die Wellen einmal ohne Segel zu bezwingen. Wunderschön stellte ich mir das Bild vor: frei, wild  und natürlich mit vollendeter Eleganz auf dem Board.

Bei einem Florida-Aufenthalt machte ich daher entsprechende Anspielungen, mit dem Ergebnis, dass meine Bessere Hälfte, die sonst nicht zu den übermäßig vorsichtigen Zeitgenossen gehört, sämtliche Haiunfälle recherchierte, diese mit aufwühlender Rhetorik und überzeugender statistischer Untermauerung präsentierte und als nichts, nicht einmal die einfühlsame Schilderung der schneidend kalten Wassertemperaturen half, die schlichte Frage in den Raum stellte: wie willst du mit deinen Oberarmen, gegen den Wind, auf dem Ozean rauspaddeln? Ähhhhh… die Antwort lässt immer noch auf sich warten, das Projekt Wellenreiten wurde jedenfalls vertagt.

Bis eines Tages meine quirligste Kollegin mit leuchtenden Augen in mein Büro kam und mir von ihrem Nachmittag erzählte. Sie hat die Welle bezwungen, mitten in Wien, auf dem Schwarzenbergplatz!

WIE BITTE?

Nun, sie ist zwar quirlig, aber eigentlich nicht verrückt, so bat ich um mehr Details. Und das geht so: Nach Münchner Vorbild entstand vor dem Hochstrahlbrunnen auf dem Schwarzenbergplatz die „Citywave“. Hier hat man in einem 7,5 m breiten und 17 m langen Surfbecken die Möglichkeit, eine stehende, bis zu 1,5 Höhe Welle zu bezwingen. (Für die Technikfreaks unter uns: Diese konstante Welle wird mit Hilfe von acht Pumpen und insgesamt 1 Million Liter Wasser erzeugt und von einem Unterbecken nach oben gedrückt.) Entsprechend hoch ist die Konstruktion: Ist man in der Stadt unterwegs, so sieht man nur eine Art Ministadion. Geht man die Stiege hoch, befindet man sich an einem Pool mit hübschem Loungebereich, wobei in dem Pool, vor der beeindruckenden Kulisse altehrwürdiger Paläste, nicht geschwommen, sondern gesurft wird.

Citywave Schwarzenbergplatz

Und das Mitten in der Stadt! Sogar mit einer Haltestange, die die ersten Versuche erleichtern soll. Und ohne Haie. Und ohne Oberarmmuskelanforderungen…

Das schien DIE Erfüllung meiner Träume. Schnell wurden Termine reserviert und ein Ausflug mit wagemutigen Kolleginnen und der Besseren Hälfte vereinbart.

Es ist vielleicht überflüssig zu erwähnen, dass der heißeste Sommer seit Beginn der meteorologischen Aufzeichnungen ausgerechnet für den Tag unseres Surfausfluges von einer kleinen fiesen Kältefront unterbrochen wurde. 17 Grad und stürmischer Wind, so die wenig verheißungsvolle Wetterprognose. Das war das erste Mal, dass die schön hysterische Stimme von der T´Pau Sängerin Carol Decker in meinem Kopf erklang:

Don’t push too far your dreams are china in your hand
Don’t wish too hard because they may come true
And you can’t help them…

Aber einen Weg zurück gab es nicht mehr.

Die Wettergötter, die sich immer gerne einen Spaß aus meinen sportlichen Anwandlungen machen, blieben aber auch diesmal bei ihrem bewährten Muster: Fürchterliches Wetter in Aussicht gestellt, sich aber doch meiner erbarmt. Bis zum späten Nachmittag, dem vereinbarten Zeitpunkt für die ersten Wellenversuche, ließ der Sturm nach und die Sonne kam wieder hervor, wodurch die 17 Grad sich fast schon wie 19 anfühlten. Eine Herbstjacke nahm ich aber trotzdem mit.

Am Schwarzenbergplatz angekommen erklommen wir die Stiege der Citywave und fanden uns in netter karibischer Atmosphäre wieder. Chillige Musik, Drinks und coole Sticker an der Anmeldestelle: „gone surfing“.

Schnell brachten wir das entwürdigende Einweihungsritual hinter uns „Ja, ich bestätige, ich allein bin verantwortlich für allerlei fürchterliche Unfälle und für ein eventuelles viel zu frühes Ableben etc.“ und zogen uns um.

Danach hatten wir die Möglichkeit, den Alptraum ALLER Realität werden zu lassen: in wenig adäquater Kleidung durch die Stadt. Auf unsere Frage, wo sich die Toiletten befanden, wurden wir nämlich nach unten gelotst. Die japanischen und italienischen Touristen, die den Hochstrahlbrunnen bestaunten und nichts von der 3CityWave wussten, konnten ihre Verwunderung kaum verbergen, als meine Freundin in ein Hamam-Tuch gewickelt, mit einer schnittigen Regenjacke darüber – und ich in Bikinihose und immerhin mit einem langärmeligen Shirt ausgestattet an der Touristenattraktion vorbeischritten. Eine gute bloß-keine-Genierer-Vorbereitung übrigens für die nachfolgende Zeit, in der unsere Surfversuche von zahlreichen Schaulustigen, die sich im Chillout Area versammelt hatten, mitverfolgt wurden.

Citywave

Jetzt wurde alles schneller: wir bekamen Neoprenanzüge, unsere Boards und eine kurze Einweisung, immer nach vorne und nicht nach unten zu schauen und uns ja nicht zu erschrecken, wenn wir, das erste Mal vom Board geworfen, unter Wasser gezogen werden und 2-3 Sekunden reglos unter der Welle verharren müssen bevor die Strömung uns nach hinten ausspuckt. Hörte sich unglaublich NICHT erschreckend an!

Andrea Schopf-Balogh

Unsere Gruppe, bestehend aus ca. 12 Anfängern, wurde aufgerufen. Es konnten gleichzeitig ca. 3 Personen ihre Balanceversuche an der Stange machen. Höflich wie ich bin, ließ ich jeden, wirklich jeden vor, bevor ich mich selber auf das Wasser wagte. Ich stand auf dem Board, ging in die Knie, hielt die Stange fest, hielt sie fest, schaute nach vorne, hielt die Stange… Jetzt lass los! Hörte ich schon von überall, also tat ich es – und wurde wie ein Taschentuch nach hinten gespült.

Okay, hat zumindest nicht weh getan. Die 2. Runde wird sicher besser. Jetzt, von Angst nicht mehr benebelt, hatte ich genügend geistige Kapazitäten, mir meine Mitsportler anzuschauen. Beide Kolleginnen standen mittlerweile mit sichtbarem Spaß und einigermaßen sicher auf ihren Boards – und auch die Bessere Hälfte balancierte recht geschickt! Aufstehen, in die Knie gehen, festhalten, festhalten, festhalten… nach gefühlten 2 Minuten ließ ich endlich los und Schwupps, war ich wieder weg!

Und genau gleich in der 3. Runde, in der ich mich aber wirklich bemühte, viel Gewicht auf das hintere Bein zu verlagern. Was ist hier eigentlich los? Ich hatte noch nie dieses Gefühl der absoluten Kontrolllosigkeit erlebt – die Empfindung, nichts, absolut nichts ausrichten zu können. Dabei habe ich es mir so schön vorgestellt, wie ich in eleganter Haltung die Wellen bezwinge.

Don’t push too far your dreams are china in your hand

sang Carol Decker in meinem Kopf und ich musste lachen…

Nun wurde die Querstange weggenommen und die meisten schafften es mit unvorstellbarer Leichtigkeit, sich der Welle entgegenzustemmen. Ich gab mein Board ab. „Mach dir nichts daraus“ – tröstete mich der nette Verleihtyp, von dem später alle Kolleginnen unisono behaupteten, er hätte unglaublich schöne Augen. Das fiel mir aber gar nicht auf, für mich zählten nur seine Worte: „Mit deinem Gewicht hattest du auf dem Board keine Chance, das nächste Mal brauchst du etwas Kleineres“.

YES! Die Boardgröße war‘s! Beruhigt schälte ich mich aus dem Neoprenanzug und widmete mich der visuellen Verewigung der Heldentaten meiner Abenteurergruppe. So waren alle happy. Sie erhielten schöne Fotos und Videos und ich hatte einen Vorwand, nicht mehr mitmachen zu müssen.

Alle waren gut drauf, Reggae-Musik erfüllte die Luft. Anschließend wurde noch auf dem Rathausplatz gegessen, meine blauen Lippen und Herbstjacke fielen einigermaßen auf. Schnell wurden Pläne zur Wiederholung der Aktion geschmiedet. Die Kolleginnen fragten mich feinfühlig, ob ich auch mitkommen würde. Natürlich werde ich mir das nicht entgehen lassen  – aber diesmal nur mehr als Groopie!

Wellentreiten

So ist es also mit den Träumen – manchmal zerbrechen sie wie Porzellan aber es ist auch schön, mitzuerleben, wie sie für andere Wirklichkeit werden.

 

Facts zur CityWave

Wann: 10. Juni – 30. September 2016, täglich 10:00-22:00

Kosten: € 39,- pro 50 Min. inkl. Board

Neoprenanzüge: vor Ort, für € 5,-

Buchen unter: www.3citywave.at

Tipp: Termine werden immer 2 Wochen im Vorhinein freigestaltet, gleich buchen!

 

Fotocredits CityWave: © kreitner & partner

Wellenvase im Titelbild: http://www.glass-art.com/ArtistPages/BlakerDeSomma.htm

 

 

 

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