Birgits Bücherfragen

Soweit meine Erinnerungen zurückreichen, wollte ich immer schon lesen können. Stundenlang starrte ich im Kindergarten in Bücher, in der Hoffnung, die Texte würden sich, wenn ich´s nur wirklich will, irgendwann für mich erschließen. Dieses Wunder wurde mir – nicht ganz überraschender Weise – nicht zuteil. Als meine 2 Jahre ältere Schwester jedoch mit dem Schulbesuch begann, gab sie mir Tag für Tag das Erlernte weiter, sodass wir bald gemeinsam in die Welt der Bücher eintauchen konnten. Mein Leben änderte sich schlagartig – mittags musste ich nicht mehr das (im Auge einer 5-jährigen) entwürdigend babyhafte Ritual des Mittagsschlafs mitzelebrieren. Stattdessen durfte ich mich mit einem Buch in eine ruhige Ecke zurückziehen. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich zwar meine Einstellung zu einem gepflegten Mittagsschlaf grundlegend geändert (der Ausdruck platonische Liebe wäre hier angebracht), meine Leidenschaft für Texte hält jedoch unvermindert an und bereitet mir Tag für Tag Freude und Vergnügen.

So macht es mir natürlich auch Spaß, über die Leseerlebnisse Anderer zu erfahren. Mit großem Interesse verfolgte ich daher die Beiträge zu Birgits zehn Bücherfragen und nun ist die Zeit gekommen, da ich sie selber zu beantworten versuche. Einfach ist es mir nicht gefallen, einzelne Bücher von den zahlreichen teuren Begleitern herauszusuchen – aber allein die Beschäftigung mit den Leseerinnerungen hat viel Freude bereitet.

Das erste Buch, das du bewusst gelesen hast?

Dr. Dolittle und seine Tiere von Hugh Lofting. Die Abenteuer des sympathischen Arztes im exotischen Setting, die Möglichkeit, die Sprache der Tiere erlernen zu können und die tollen Illustrationen begeisterten mich.

Das Buch, das Deine Jugend begleitete?

Ein einziges Buch könnte ich nicht nennen – ich habe meine ganze Jugend hindurch mit Begeisterung gelesen. Der Kampf um die Insel (Swallows and Amazons) von Arthur Ransome haben aber meine Schwestern und ich immer wieder gelesen und es diente uns als Inspiration für unsere eigene Phantasiewelt. In dem Buch bzw. Büchern (es ist eine ganze Reihe) handelt es sich um 4 Geschwister (die Swallows), die mit ihrem eigenen Segelboot und ihren Zelten abenteuerliche Sommer- und Winterferien erleben. In Konkurrenz zu und später in Freundschaft mit 2 Schwestern, den „Amazons“. Diese Geschichten bedeuteten für uns Freiheit, Freude, Natur und Unabhängigkeit.

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Das Buch, das Dich zur Leserin/zum Leser machte?

Mary Poppins von P.L.Travers. Ich war 7 Jahre alt, als ich in der Schulbibliothek die Abenteuer der Banks Kinder mit Mary Poppins entdeckte. Unsere Bibliothek besaß die ersten 3 Folgen, diese habe ich gut 15x gelesen. Meine Begeisterung galt dabei aber gar nicht den phantastischen Abenteuern und den metaphysischen Aspekten, sondern einzig und allein der britischen Lebensweise, die von Travers so liebevoll-ironisch geschildert wird. Überhaupt fällt mir gerade auf, welch große Rolle britische bzw. englische Autoren in meiner Jugend gespielt haben.

Übrigens wurde der Name der Autorin im Buch abgekürzt abgedruckt. Ich dachte immer, es handle sich um einen Mann. Erst als Jahrzehnte später der Film „Saving Mrs. Banks“ ins Kino kam, erkannte ich meinen Irrtum und war bitter enttäuscht, dass es den Lieblingsautor meiner frühen Kindheit gar nicht gab.

Das Buch, das Du am häufigsten gelesen hast?

The Age of Innocence von Edith Wharton – lese ich jedes Mal, wenn ich mit Fieber zu Hause bleiben muss. Ich finde übrigens auch die Filmversion sehr schön.

 Das Buch, das Dir am wichtigsten ist?

Ein einziges Buch könnte ich nicht nennen. Als ich ca. 15 war, waren für mich die Werke von Stefan Zweig sehr wichtig. Diese wurden später von jenen Simone de Beauvoirs und Milan Kunderas abgelöst. Sehr genau kann ich mich auch noch an meine Ingeborg Bachmann-, Christa Wolf- und Thomas Mann-Phase erinnern. Die Entdeckung dieser Autoren und die anschließenden Wochen, in denen ich all ihre Werke las, gehören mit zu den schönsten Erinnerungen an meine Studienzeit.

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Das Buch, vor dem Du einen riesigen Respekt bzw. Bammel hast?

Bammel zwar nicht, aber riesen Respekt habe ich vor Joseph und seine Brüder von Thomas Mann.

Das Buch, das Deiner Meinung nach am meisten überschätzt wird?

Ich habe oft das Gefühl, dass Dostojewski etwas überschätzt wird. Er kommt mir an vielen Stellen etwas geschwätzig vor, man spürt direkt, wie ihm seine Kreditgeber im Nacken sitzen, so dass er schnell noch 40-50 Seiten fertigstellen muss, um an Geld zu kommen.

Das Buch, das Du unbedingt noch lesen willst – wenn da einmal Zeit wäre?

Dichtung und Wahrheit liegt schon seit Jahren auf dem Regal der zu lesenden Bücher.

Das Buch, das Dir am meisten Angst macht?

Ulysses von James Joyce bzw. Die Blendung von Elias Canetti.

Das Buch, das Du gern selbst geschrieben hättest?

Joseph und seine Brüder. Oder, um es weniger gewichtig anzugehen, Heiße Küste von Marguerite Duras.

Titelbild: Die Lesende von Asta Norregaard

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3 Gedanken zu “Birgits Bücherfragen

  1. Liebe Andrea,
    das ist wieder einmal hochinteressant: Von den Büchern, die Du in Deiner Kindheit gelesen hast, kenne ich kein einziges (bist du in England aufgewachsen?). Bei Deiner späteren Lektüre ab Stefan Zweig etc. haben wir viele Schnittstellen, anscheinend eine ähnliche Lesersozialisation.

    Aber was macht Dir genau Angst/Respekt vor Canettis Blendung?

    Danke fürs Antworten und Mitmachen,
    liebe Grüße Birgit

    Gefällt 2 Personen

    • Liebe Birgit, das mit den englischen Büchern ist nur ein Zufall und war mir bis jetzt auch nicht bewusst.
      Und die Blendung… sooo viele fiese Menschen auf einem Haufen und der arme Kien, der zwischen ihnen aufgerieben wird und nichts mitbekommt. Und dann der grausliche Brand… Ein richtiger Alptraum!

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