Shelfie 2018

2018 war für mich in erster Linie das Jahr der Autobiographien.  Vielleicht, weil ich selbst in einer Phase meines Lebens angekommen bin, in der es spannend wird, ein erstes Resümee zu ziehen.

Es hat jedenfalls viel Freude bereitet, ins Leben Anderer einzutauchen, sie zu begleiten und mitzuerleben, wie sie ihren Werdegang reflektieren.

Im heutigen Blogbeitrag möchte ich einige dieser Autobiographien vorstellen und dabei, als roten Faden, immer auch einen Punkt beleuchten, der für mich, als Mutter einer heranwachsenden Tochter, besonders faszinierend erscheint:

Den Aspekt, wie sehr Mütter das Leben ihrer Kinder prägen. Wie ihre Präsenz oder umgekehrt, ihre körperliche oder seelische Abwesenheit die Entwicklung ihrer Kinder beeinflussen. Wie sehr Mütter mit schierer Geisteskraft ihre Kinder über widrige Lebensumstände erheben können oder als Kehrseite, welchen prägenden Mangel das Fehlen mütterlicher Kraft bedeuten kann.

Und schließlich – wie viel Selbstheilungskraft dermaßen traumatisierte Kinder oft entfalten können: Selbstreflexion, Ursachenforschung, Empathie – mit deren Hilfe sie es schaffen, die Fähigkeit zu lieben nachzulernen – in den Beziehungen zu den eigenen Kindern und Enkelkindern.

Und als schöner Abschluss, wie diese neue Kraft den einst nicht geliebten Kindern hilft, den eigenen Eltern zu verzeihen und eine neue, starke Beziehung zu ihnen aufzubauen.

Aber natürlich haben die hier vorgestellten Lebensgeschichten über diesen speziellen Blickwinkel hinausgehend noch viel mehr zu bieten!

Begeben wir uns also auf die Suche:

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Jane Fonda – My Life so far

Jane Fonda beschreibt in „My Life so far“ ihre ersten beiden Lebensphasen (die Jahre von ihrer Geburt bis zu ihrem 60. Geburtstag). Auf gut 600 Seiten entfaltet sich eine bunte, rasante Identitätssuche, die inmitten der gesellschaftlichen Umbrüche der letzten 60 Jahre einer oft dramatischen, gelegentlich aber auch (unfreiwillig) komischen Achterbahnfahrt gleicht.

Fondas Leben steckt voller Widersprüche:

Der weltweite Erfolg – bei gleichzeitiger persönlicher Unsicherheit und fehlender Akzeptanz für ihren Körper, bis hin zur Magersucht und Bulimie.

Wohlstand und Luxus von Geburt an – von Phasen linksbohemien Puritanismus unterbrochen.

Furchtloser Aktivismus (inkl. einer fetten FBI-Überwachungsakte), ehrliches gesellschaftspolitisches Engagement, die Förderung progressiver Gender-Agenden – bei gleichzeitiger totaler Unterwerfung in ihren Ehen.  Zumindest bis der letzte Befreiungsschlag kommt, der diesem langen, sehr privaten und ehrlichen Buch ein hart errungenes Happy End beschert.

I have known failures. Those I have run from taught me nothing. Those I got to know intimately permitted me quantum leaps forward.

Hier geht´s zur Buchbesprechung.

Sally Field – In Pieces

Sally Fields Erfahrungen ähneln in sehr vielen Aspekten jenen Jane Fondas. Ca. 10 Jahre jünger, wuchs sie in einer ähnlich patriarchalischen Atmosphäre auf und entwickelte sich in den Actors Studios (wie Fonda) unter Lee Strasbergs Führung zu einer gefeierten Schauspielerin.

Die Schattenseiten des Märchens: ein Stiefvater, der sie jahrelang sexuell missbrauchte, und vor dessen Missbrauch ihre Mutter sie nicht beschützen konnte oder wollte.

Dominierende Studio-Bosse, die ihr Selbstwertgefühl weiter untergruben und 2 Ehen mit seltsam fahler Emotionalität. Eine Beziehung zu Burt Reynolds, in der nur einer das Sagen hatte.

Und schließlich auch hier das Heranreifen einer eigenständigen Persönlichkeit, die es schafft, ihre Traumata zu verarbeiten. Sie findet die Kraft, eine Brücke zu ihrer Mutter zu bauen und eine liebevolle Beziehung mit ihren Söhnen zu etablieren.

„I didn’t know I had a voice“,- schreibt Sally Field. Aber sie findet ihre Stimme – und was für eine!  Ihre Autobiographie ist dermaßen lyrisch, dass man sich wundert, welch sanfte Melodie der Beschreibung einer so harten Lebensrealität innewohnen kann.

Tara Westover – Educated

Spricht man von „harter Lebensrealität“, so darf natürlich Tara Westovers Autobiographie nicht fehlen.

Über dieses Buch wurde bereits sehr viel geschrieben: über die rohe physische Gewalt, die das Leben dieser fundamentalistischen Mormonenfamilie prägt. Die Abgeschiedenheit von allen staatlichen Einrichtungen (u.a. Bildung, Gesundheitswesen) und die harte Arbeit auf dem väterlichen Schrottplatz.

Dabei muss man aber betonen, dass die eigentliche Brutalität nicht dem Mormonentum der Familie und nicht einmal der fundamentalistischen Auslegung dieser Glaubensrichtung entspringt, sondern einzig und allein der väterlichen Paranoia. Das Familienoberhaupt ist psychisch krank und die Mutter Taras verliert im Laufe der Jahre die Widerstandskraft, um die Kinder vor ihm zu schützen.

So müssen sie sich selbst helfen: Tara gelingt dies, wie einigen ihrer Geschwister, durch Bildung. Sie schafft die Aufnahme auf ein College (wobei sie selbst auf einem mormonischen Institut wie eine Außerirdische anmutet und um Akzeptanz ringen muss). Offensichtlich ist sie jedoch ein unglaubliches Ausnahmetalent, denn sie schafft es, in Cambridge zu promovieren und wird mittlerweile als anerkannte Historikerin (und Schriftstellerin) gefeiert.

Somit wäre die Sehnsucht des Lesers nach einem Happy End erfüllt. Aber die Erfolgsgeschichte Taras ist keine glückliche. Denn der Preis dafür ist sehr hoch und nicht verhandelbar…

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Trevor Noah –  Born a Crime

Trevor Noah gehört zu jenen Comedians, die mir Tag für Tag helfen, die politischen Entwicklungen in den USA irgendwie erträglich zu machen. Sehr pointiert aber trotzdem charmant schafft er es, das tägliche Wirken der politischen Führung in ihrer schäbigen Kleingeistigkeit vorzuführen.

Diese Fähigkeit half ihm offensichtlich auch, seine Kindheit unbeschadet zu überstehen – eine Kindheit mitten im Apartheid in Südafrika, umgeben von Gewalt, Gefahren und Ungerechtigkeiten.

Dass sein Buch Tempo und Witz hat, überraschte mich nicht im Mindesten – vielmehr jedoch die Eleganz, mit der er seine Erinnerungen mit profunden, gut strukturierten Informationen über das System der Rassentrennung verbindet.

Und über all dem thront das Bild einer unvorstellbar starken, eigensinnigen und klugen Mutter, die ihren Sohn mit Integrität und viel Chuzpe durch sein junges Leben navigiert – sodass das Buch, ohne dass der Autor dies vorgehabt hätte, zu einer Liebeserklärung an seine Mutter und die mütterliche Kraft per se wird.

Michelle Obama – Becoming

In Michelle Obamas jungen Jahren gab es auch ein Fundament durch eine starke Mutter und eine Familie, die zwar in bescheidenen Verhältnissen lebte, ihren Kindern jedoch den Weg zur Selbstbestimmung, Selbstachtung und Resilienz ebnete.

Mitten in den 60er Jahre geboren, ist Michelle Obamas Leben eng mit dem Aufstieg der antirassistischen Bewegung und des Feminismus verbunden.

Diese bilden den bewusst gewählten und genau ausgearbeiteten Kontext ihrer Memoiren. Denn sie möchte mit ihrer Autobiographie über das persönliche hinausgehend genau erklären, warum gewisse Dinge erfolgten – oder eben auch nicht. Die so wichtigen „weils“, „obwohls“ und „trotzdems“.

Ein wichtiger Punkt für sie ist weiters, mit ihrem erfolgreichen Leben zu inspirieren und nicht einzuschüchtern. So stellt sie nicht nur die strahlende Präsidentengattin und glückliche Mutter dar, sondern auch das unsichere, junge, farbige Mädchen auf der Eliteuniversität, die ehrgeizige Junganwältin, die Gefahr läuft, sich selbst zu verlieren, die junge Mutter, die mit ihrem Mann eine Eheberatung aufsuchen muss und viele weitere Augenblicke des Selbstzweifels.

I felt sometimes like a swan on a lake, knowing that my job was to glide and appear serene, while underwater I never stopped pedaling my legs.

Ihr Buch ist spannend, informativ, persönlich, aber nicht indiskret – und an vielen Stellen sehr witzig. Ich fand es auch sprachlich überraschend anspruchsvoll, obwohl – oder vielleicht gerade weil – es ohne Mainstream-Ghostwriter entstanden ist.

Eine große Empfehlung an alle, die gerne eine positive, inspirierende Lebensgeschichte lesen möchten – nicht umsonst schaffte es Michelle Obamas Buch nicht nur auf den ersten Platz auf der persönlichen Leseliste ihres Mannes, sondern führt seit Monaten auch jene der New York Times an.

Agatha Christie – An Autobiography

Wenn man genug von den Turbulenzen unserer Zeit hat und sich gerne ein wenig Nostalgie gönnen möchte, ist Agatha Christies Autobiographie die richtige Wahl.

Hier wird eine wundervolle Kindheit in der spätviktorianischen Ära heraufbeschworen. Es werden zwei Ehen, zwei Weltkriege, spannende archäologische Expeditionen, zahlreiche Reisen, technische Neuerungen und gesellschaftliche Umwälzungen beschrieben – stets mit einem entspannten, uneitlen Blick, unter dem Motto:

I have remembered, I suppose, what I wanted to remember.

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6 Gedanken zu “Shelfie 2018

    • Liebe Tanja, Promi-Biografien finde ich per se auch nicht so toll – aber Aotobiografien sind immer ein wenig anders. Da finde ich es spannend, was die Verfasser über sich als Person erzählen wollen. Nicht über ihre Filme, ihr Geld etc. sondern über ihre Eltern, ihre Geschwister, ihre Gefühle… da ist nämlich relativ egal, ob sie bekannt sind oder nicht. Da bleibt die universelle menschliche Erfahrung, die, wenn sie nicht zu verfälscht hinüberkommt, immer sehr spannend ist. Liebe Grüße, Andrea

      Gefällt 1 Person

  1. Ich oute mich sehr gerne als Fan von Autobiographien, da ich die Geschichten von realen Menschen faszinierender finde als „erfundene“ Geschichten. Natürlich kommt es dabei auf die Qualität und vor allem auch auf die Authenzität an. Zwei von der Liste, Sally Fields und Michelle Obama, habe ich mir als Hörbuch von den Autorinnen vorlesen lassen, und beide haben mich begeistert. Es geht also auch ohne Ghostwriter, vorausgesetzt, frau hat etwas zu sagen und ein gutes Lektorat.

    Gefällt 1 Person

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