20. März – Throwbackmonday mit Keith Haring

Es ist der 20. März 1987. Der 29-jährige Keith Haring fliegt von Düsseldorf von New York und notiert im Flugzeug seine Gedanken. Der weltweit gefeierte Künstler steht zu dieser Zeit am Zenit seines Erfolges. Sein Wirkungsbereich erstreckt sich von den USA über Brasilien Australien und Japan bis nach Europa: Amsterdam, Paris, Berlin, Helsinki und Antwerpen liegen ihm zu Füssen.

Entsprechend selbstbewusst sinniert er über die – in seiner Sicht – fehlgeleitete Konzentration vieler seiner Kollegen auf die Oberfläche, über gute (da berührende) und schlechte (weil zu sehr ich-bezogene) Kunst, über sein Glück und seine Liebe zum Leben.

Seine Gedanken schweifen aber immer wieder zur bevorstehenden Gedenkfeier für den unlängst verstorbenen und von ihm höchst verehrten Andy Warhol – und somit zum unvermeidbaren Damoklesschwert seiner Zeit und seines Milieus: dem Thema AIDS.

Keith Haring Aids

„Meine Freunde fallen um wie die Fliegen und im Innersten weiß ich, daß nur ein göttliches Eingreifen mich so lange am Leben erhalten hat“ – so Haring, „Darum sind meine Projekte und Aktivitäten jetzt so wichtig. So viel tun wie möglich und so schnell wie möglich.“  Dies zeigt sich auch in seinen Aufzeichnungen: mit aller Kraft versucht er so viel von seinen weitschweifenden Gedanken festzuhalten, wie nur vorstellbar. Er arbeitet Tag und Nacht, sogar im Flugzeug.

Leider wird das Leben sehr bald den Beweis erbringen, dass seine Vorahnungen keine koketten Künstlerposen waren: es bleiben ihm nicht einmal 3 Jahre, um sein Lebenswerk zu vollenden.  Bereits 1988 ereilt ihn die damals tödliche Diagnose AIDS und er stirbt am 16.02.1990, nicht einmal 32-jährig.

„Ich bin mir sicher, wenn ich sterbe, dann sterbe ich nicht wirklich, weil ich in vielen Menschen lebe“ – so Haring an diesem prophetischen 20. März 1987 hoch über den Wolken zwischen Düsseldorf und New York. Ein schwacher Trost für all jene, denen er als Mensch und Künstler nahe stand und steht.

20. März 1987

Im Flugzeug von Düsseldorf nach New York

Eine fortgesetzte Betrachtung bringt mich zu dem Ergebnis, daß das ganze Problem mit der „Oberfläche“ des Gemäldes von der Unfähigkeit herrührt, ein Bild von hinreichender Kraft zu malen oder zu schaffen. Sogar die alten Maler hat diese Problem der Oberfläche nicht viel gekümmert. Ihre Farbschichten sind eigentlich ziemlich dünn. Die Illusion wird durch Farbe, Perspektive, Raumaufteilung, Komposition usw. erzeugt.

Heute rührt die Konzentration auf die Oberfläche, glaube ich, von der Unfähigkeit des Malers her, das Gemälde selbst als ein Bild aufzufassen.

Andy Warhol ist das perfekte Beispiel dafür, wie wenig dazu gehört, ein Bild von zeitloser und monumentaler Qualität zu schaffen. All die unnötigen Auftragungen von Wachs, Stroh, Handtüchern, zerbrochenen Tellern, Stühlen, Utensilien und hölzernen Konstruktionen, die dazu dienen, die Oberfläche „aufzubauen“, sind nur Entschuldigungen dafür, daß man nicht weiß, was man malen soll!

Die „moderne“ Malerei erschöpft sich zumeist in formalen Studien, die eher für eine „Wissenschaft von den Materialien“ taugen als für ein echtes Suchen nach Bildern und Interventionen und nach Kunst.

Jede „echte“ Intervention in die Kultur setzt sich über die Beschränkungen der Materialien und der „formalen Elemente“ hinweg.

Das Material sollte dem Maler verfügbar, doch keine Voraussetzung für das Gemälde selbst sein.

Zerbrochene Teller, Stroh, Wachs und Holkonstruktionen sind nur eine Ausflucht und stellen keine Weiterführung von Ideen dar. Es ist ganz leicht, mit künstlichen Mitteln neue Diskussionsthemen in bezug auf „die Oberflächen“ zu „erfinden“. Das ist nur eine Ablenkung von der wahren Bedeutung der Sache selbst.

Schließlich geht es in der Kunst um das Bild, das wir vor uns haben, um den nachhaltigen Eindruck und die Wirkung, die das Bild auf uns hat, nicht nur um das Ich des Künstlers, dessen Selbstbesessenheit ihn hindert, das Bild in einer weiteren Perspektive zu sehen.

Julian Schnabel ist kein Genie. Er ist wahrscheinlich nicht mal ein großer Maler. Sicherlich ist er heute in einem begrenzten Sinne von Interesse und hochinteressant für Sammler und Kunsthändler, aber auf lange Sicht ist sein Beitrag geringfügig. Das Gebiet der ambivalent-figurativen Abstraktion, als dessen Entdecker Julian Schnabel sich gebärdet, hat Joseph Beuys zum größten Teil schon erforscht.

Gewiß können seine Gemälde manchmal auf „neue Erfindungen der Natur“ oder Dinge anspielen, die wir nie zuvor gesehen haben (neue Formen usw.). Aber was ist das? Ist es neu oder auch nur interessant?

Die Tatsache, daß er von der eigenen „Bedeutung“ so überzeugt ist, macht ihn noch ungenießbarer. Mich ekelt vor seiner beharrlichen Wichtigtuerei. Für den Fall, daß er bei Andys Gedenkfeier am Mittwoch wieder eine seiner selbstbezogenen Ansprachen hält, verspreche ich, mein Bestes zu tun, um ihn möglichst schnell zum Schweigen zu bringen.

Keith Haring

Andy haßte seine Reden und hätte niemals gewollt, daß er bei seiner Gedenkfeier spricht.

Übrigens Gedenkfeiern…

… Der Grund, warum ich anfing, dies zu schreiben (über Gedenkfeiern), war ein Interview im Anhang zu Georg Condos´ Katalog, das ich während des Flugs von München nach Düsseldorf las. Zuerst war ich ganz deprimiert, weil ich mir sicher war, nachdem ich Georges Interview gelesen hatte, daß ich kein Intellektueller bin. Aber ein paar Tage Nachdenken haben mir den Unterschied zwischen unseren Bestrebungen sehr viel klarer gemacht. Und es gibt einen großen Unterschied. Wir haben manches gemeinsam, aber in vielem sind wir verschieden.

Jedenfalls, eine Frage geht nach dem Verhältnis von Kunst und Leben und was davon wichtiger ist, und George sagte, die Kunst ist wichtiger, weil sie unsterblich ist. Das hat mich sehr tief getroffen. Denn mir ist völlig klar, daß ich Aids haben oder es kriegen könnte.

Die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch, und die Symptome sind sogar schon da. Meine Freunde fallen um wie die Fliegen, und im Innersten weiß ich, daß nur ein göttliches Eingreifen mich so lange am Leben erhalten hat. Ich weiß nicht, ob mir noch fünf Monate oder fünf Jahre bleiben, aber ich weiß, daß meine Tage gezählt sind.

Darum sind meine Projekte und Aktivitäten jetzt so wichtig. So viel tun wie möglich und so schnell wie möglich. Ich bin sicher, daß das, was nach meinem Tod weiterleben wird, wichtig genug ist, um etwas an Privatvergnügen und freier Zeit jetzt dafür zu opfern. Meine Arbeit ist alles, was ich habe, und die Kunst ist wichtiger als das Leben.

Denk an Andy. Ganz plötzlich ist er weg. Alles, was ich habe, um ihn in der Erinnerung lebendig zu halten, sind die Dinge, die er hinterlassen hat. Alles, jedes Andenken gewinnt unschätzbaren, zeitlosen Wert. Aber die „Dinge“ werden mich überdauern, die Erinnerungen sterben mit mir.

Ich habe nicht wirklich Angst vor Aids. Nicht für meine Person. Ich habe Angst, zusehen zu müssen, wie noch mehr Menschen vor meinen Augen sterben. Martin Burgoyne oder Bobby zusehen zu müssen war eine Qual. So will ich nicht sterben. Wenn es soweit ist, denke ich, dann ist Selbsttötung der würdigere Abgang und macht es den Freunden und Geliebten viel leichter. Niemand hat es verdient, einen solchen langsamen Tod mitansehen zu müssen.

Ich habe schon immer gewußt, seit ich klein war, daß ich einmal jung sterben würde. Aber ich dachte, es würde schnell gehen (ein Unfall, keine Krankheit). Und dann auch noch eine von Menschen geschaffene Krankheit wie Aids. Die Zeit wird es lehren aber, ich habe keine Angst. Ich erlebe jeden Tag so, als ob es der letzte wäre. Ich liebe das Leben. Ich liebe Babys und Kinder und auch manche Menschen, die meisten – na, die meisten wohl nicht, aber eine ganze Menge!

Ich habe bisher großes Glück gehabt, mehr als viele andere. Ich halte das nicht für selbstverständlich, kann ich versichern. Ich bin dankbar für alles, was geschehen ist, besonders für die Gabe des Lebens, die ich bekommen habe …

Viele Künstler haben ein Verständnis von der Welt, das sie von ihr trennt, aber nur manche von ihnen sind wirklich in der Weise anders, daß sie das Leben anderer Menschen berühren und durch es hindurchgehen können. Ich bin mir sicher, wenn ich sterbe, dann sterbe ich nicht wirklich, weil ich in vielen Menschen lebe.

Geister können alle Grenzen überschreiten. Andy ist jetzt in mir. Er lebt in vielen Menschen. Er hat all diese Dinge verstanden…

Die Zitate entstammen folgender Ausgabe: Tagebücher; Keith Haring; aus dem Amerikanischen von Wolfgang Krege; S. Fischer, 1997, Frankfurt am Main

Keith Haring Bücher

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