06. Februar – Throwbackmonday mit Paul Eluard

Es ist der 06. Februar 1932. Paul Eluard ist (wieder einmal) in melancholischer Stimmung und schreibt an sein „ewiges kleines Mädchen“, Gala.

Die beiden haben sich 1912 in einem Lungensanatorium bei Davos unter denkbar zauberberg´schen Bedingungen kennengelernt. Der 17-jährige Eluard (Eugène Grindel) entflammte sofort für die ebenfalls 17-jährige Helena Dmitriewna Diakonowa. Sie trennten sich zwar 1914, als Eluard in den Krieg ziehen musste und Gala nach Russland zurückkehrte, heirateten jedoch 3 Jahre später.

eluardgala

Es begann eine wilde Künstlerehe: sie teilten die gleichen Ideale, zu denen auch jenes der freien Beziehung gehörte: man lehnte jeden Besitzanspruch an den anderen ab und strebte stattdessen nach einer höheren, substantielleren Treue, fern der Körperlichkeit. So ganz friktionsfrei verlief die Umsetzung der großen Freiheit dann doch nicht. Als Gala nach vielen kleineren, gegenseitigen Affären eine Beziehung mit Max Ernst einging, fühlte sich Eluard elend und unternahm eine Weltreise, um seinen Schmerz zu lindern. Der Plan ging jedoch nicht auf und so bat Eluard Gala und Max Ernst, nach Asien nachzukommen. Sein Wunsch wurde nicht erfüllt, stattdessen gab es bei der nächsten Begegnung peinliche Handgreiflichkeiten.

1929 lernte Gala Salvador Dalí kennen, für den sie Eluard verließ. Eluard gab sich Mühe, großzügig zu sein, stellte dem Paar sogar zeitweise seine Wohnung zur Verfügung, gemäß seinem Credo, seine Liebe und der Wunsch, Gala glücklich zu sehen, seien stärker als die Trennung.

galadali

1932 erfolgte dann die Scheidung. Eluard versuchte diese schreibend zu überwinden: Er schrieb regelmäßig an Gala, berichtete über Alltägliches – kleine und größere Freuden, Erfolge, aber auch Konflikte innerhalb der Surrealistengruppe, finanzielle Engpässe und vor allem über seine Gefühle zu ihr. Und so wie er früher keine exklusiven Besitzansprüche gestellt hatte, anerkannte er nach der Scheidung auch diese von Dalí nicht: viele seiner Briefe waren erotisch geprägt, mit zahlreichen intimen Details.

Dabei war er der Ansicht, dass es besser sei, „keine Spuren unseres intimen Leben zu hinterlassen. Ich zerreiße also Deine Briefe…“ Und das tat er auch – im Gegensatz zu Gala. Sie hob die Briefe Eluards auf, sodass diese, drei Jahrzehnte nach seinem Tod veröffentlicht werden konnten.

Die Korrespondenz ist somit für den heutigen Leser etwas einseitig. Man wird aus Gala nicht ganz schlau. Wir kennen sie nur spiegelverkehrt: aus Eluards Reaktionen. War sie bloß jene gefühlskalte Frau, die den finanziell wenig interessierten und kommerziell entsprechend erfolglosen Eluard verließ, um an Dalís Seite die Freuden der mondänen Welt zu genießen? Viele ihrer Zeitgenossen sahen sie in diesem Licht.

Die Briefe lassen jedoch ein differenzierteres Bild vermuten. Immerhin schickte sie ihm immer wieder Geld, verfolgte mit Interesse sein künstlerisches Schaffen und bedachte ihn mit zärtlichen Worten der Zuneigung. Und das Wichtigste: Sie hob seine Briefe, trotz der Ermahnung, diese zu zerreißen, auf. War es aus Liebe? Wo sie doch immer wieder betonte, die Vergangenheit nicht mehr beachten zu wollen. Oder war es einfach Desinteresse, Unachtsamkeit? Hat sie auf die Briefe vergessen? Wir werden es wohl nie erfahren.

Paris, den 6. Februar 1932

Montag

Meine schöne kleine Gala,

ich danke Dir für Deinen Brief und für die Zeitungsausschnitte. Von heute an werde ich Dir jeden Tag schreiben, denn Du bist alles, was mich mit dem Leben verbindet, aber leider aus so großer Ferne!

Ich habe jetzt etwas weniger Arbeit, aber auch kein Geld mehr. Alte Schulden sind wieder aufgetaucht, und schon bin ich wieder ohne einen Heller. Meine Mutter ist immer noch unschlüssig, sie sagt zwar, daß sie mich gern irgendwohin schicken würde, daß sie aber erst das Geld dafür finden müsse usw. …

Nun gut!

Wir haben inzwischen 150 Antworten in der Sache Aragon [eine Petition zugunsten Aragons], aber die berühmtesten Leute sind Giraudoux, Reverdy, Paul Fort, Jules Romains usw. … Picasso möchte mit seinem Anwalt sprechen, bevor er unterschreibt. Er fürchtet sich vor dem Ausschluß. Nicht schlecht, was? Wenn er nicht unterschreibt, werden wir ihn bloßstellen, aufs heftigste angreifen.

Am vergangenen Freitag sind unsere 4 Freunde von der KP vorgeladen worden, und dort hat man sie aufgefordert, sich schriftlich zu bekennen. Das haben sie abgelehnt, und man hat ihnen gesagt, man würde sie kleinkriegen wie den Surrealismus. Es droht ihnen der Ausschluß, und ich nehme an, daß morgen oder spätestens am Freitag in der „Humanité“ die schönsten Attacken stehen werden. Sie behaupten, der Surrealismus würde sie daran hindern, die Vereinigung der Schriftsteller und Künstler zu schaffen. Ist doch ein Ding, nicht wahr?

Dalí müsste mir schnellstens Fotos und Texte für eine neue Nummer der serbischen Zeitschrift zusenden [„Nadrealizam danas i ovde“ = Der Surrealismus hier und heute].

Char ist in Perpignan und hofft, daß er zu Euch fahren kann. … Schreibt ihm doch gleich. Er ist wirklich sehr nett, und seine Selbstlosigkeit steht seiner Zuneigung zu uns in nichts nach. Ich mag ihn sehr, weil er Dich ebenso mag, meine schöne Unglücklich-Glückliche. Ich befreunde mich nur mit Menschen, die Dich gerne haben.

Ich habe jetzt eine sehr wichtige Bitte. Wenn Du mich wirklich über unsere Trennung hinwegtrösten und mir helfen willst, dann schreibe mir in ruhigerem Ton, indem Du Dir mehr Zeit nimmst, es zu tun – ab und zu -, so wie ich es heute und auch früher schon getan habe.

Ich habe in einem Film eine nackte arabische Tänzerin gesehen, die Dir ähnlich sah. Und plötzlich hatte ich solche Sehnsucht nach Dir. Ich mag, ich liebe über alles Deine Augen, Deinen Mund, Deine Brüste, Deinen Hintern, Deine Beine, Dein Geschlecht, ihre Farbe.

Deinen Geist. Ich bin derselbe wie damals, als ich Dich kennenlernte, nur mutloser und viel, viel trauriger.

Ich liebe Dich, meine Gala.

F.i.D.

Paul

Der Brief entstammt folgender Ausgabe: Paul Eluard; Liebesbriefe an Gala (1924-1948); herausgegeben und kommentiert von Pierre Dreyfus; Diana Verlag; München, 1998

Und zum Schluß ein Auszug aus Eluards

Die Liebe die Poesie

für Gala

dieses Buch ohne Ende

XV

Sie beugt sich über mich
Das unwissende Herz
Um festzustellen ob ich sie liebe
Sie hat Vertrauen sie vergißt
Unter den Wolken ihrer Lider
Schläft ihr Kopf in meinen Händen ein
Wo sind wir
Zusammen unzertrennlich
Lebend lebend
Ich lebe sie lebt
Und mein Kopf rollt in ihren Träumen.

Übersetzung: Johannes Beilharz

buchereluardgala

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5 Gedanken zu “06. Februar – Throwbackmonday mit Paul Eluard

  1. Wie stets und immer meinen herzlichen Dank! Ich wiederhole mich nur zu gerne: Ein tolles Format, Deine Throwbackmondays. Die Kombination aus Deiner Beschreibung und den/m eigentlichen Brief(en) ist wunderbar. Zu Eluard, dessen Sätze mich ein wenig an Kafkas Briefe an Milena erinnern: Eigentlich sehr, sehr schade, dass die „offenere“ Beziehung letzlich nie funktioniert, ob hier oder bei Beauvoir/Sartre oder sonst wo. Früher oder später wird eine(r) verletzt werden dabei. Und: „F.i.D.“ bedeutet „für immer Dein“? Oder ist’s nicht übersetzt und meint französisch was anderes? Nochmals Danke und liebe Grüße!

    Gefällt 2 Personen

    • Danke für dein sehr nettes Feedback! Du sagst es! Das mit der offenen Beziehung scheint wohl nicht so ein tolles Konzept zu sein. Mit 14 las ich Beauvoirs Erinnerungen und war begeistert, wie progressiv das ist! Als ich später in ihren Briefen auf die ungeschminkte Wahrheit traf, war ich nicht mehr so enthusiastisch… Jetzt bin ich für die altmodische Treue. 🙂 F.i.D steht, für, wie von Dir vermutet, „für immer Dein“. Und – Kafka an Milena ist schon eingeplant, er kommt am 29. Mai! Liebe Grüße, Andrea

      Gefällt 3 Personen

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