23. Jänner – Throwbackmonday mit Franz Ferdinand von Österreich-Este

Es ist der 23. Jänner 1893. Dieser Tag bildet eine Ausnahme im Leben des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand – gehört er doch zu den wenigen, an denen er kein einziges Tier erlegt. Bei seiner jägerischen Gesamtleistung von 274.899 Stk. eine – wenn auch nicht freiwillige – Ausnahmeerscheinung, kommt er doch in seinen bloß 51 Lebensjahren auf den verstörend hohen Durchschnittswert von 14,7 Kadavern – PRO TAG.

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Wie es zu dieser unfreiwilligen Askese kommen konnte, beschreibt er ausführlich und leicht indigniert in seinem Tagebuch – und damit hätten wir auch schon den Grundtenor für seine Aufzeichnungen erfasst: hochnäsig und etwas grantig. So ist er meistens drauf, wenn er mit dem hochmodernen Schiff der österreichisch-ungarischen Marine, der „Kaiserin Elisabeth“, während seiner knapp einjährigen Reise um die Welt unterwegs ist. Das Ziel seiner Weltumrundung ist vorrangig: sich weiterzubilden, Erfahrungen zu sammeln, die ihm als Monarch in spe bei der Ausübung seiner gewichtigen Aufgaben zu Gute kommen sollen. Sein sekundäres aber nicht weniger wichtiges Ziel ist es, seinen Onkel, Kaiser Franz Joseph und seinen freiwillig aus dem Leben geschiedenen Cousin, den ehemaligen Thronfolger Rudolf, dessen Thronanspruch auf ihn überging, zu übertrumpfen. Diese schafften es nämlich nur bis in den Orient.

Aber Franz Ferdinand, der Spätberufene, will weiter: rund um die Welt soll es gehen und es soll noch mehr tierische Trophäen geben und noch viel mehr Tagebuchseiten als jene mickrigen 300, die Rudolf anno verfasst hatte. So zeichnet er fleißig alles auf, was ihm während seiner Reise widerfährt. Und was dabei herauskommt, ist durchaus lesenswert, denn Franz Ferdinand beschreibt zahlreiche, zum Teil sehr exotische Länder, Völker und Gebräuche; Begegnungen mit Königen, Maharadschas und Fürsten –  und stürzt sich bei all seinem monarchischen Gehabe oft recht wagemutig in amüsante Experimente: Er verkostet die abenteuerlichsten Gerichte, probiert sogar Opium und schreckt auch vor Tätowierungen nicht zurück.  Weiters wartet er mit einigen durchaus beeindruckenden Naturbeschreibungen, Einsichten und sogar frühen Ansätzen des Naturschutzes auf.

Sein Stil ist leicht zu lesen, recht amüsant und immer etwas süffisant. Damit sind wir aber auch schon bei der nicht zu übersehenden Schattenseite seiner Reise und seines Charakters angelangt: Denn bei all seinen Bemühungen, positiv, lustig und sympathisch zu erscheinen, kann der Leser über seinen omnipräsenten Standesdünkel, seine Vorurteile, seinen sinnlosen Tötungsdrang, seinen Rassismus und seine herabwürdigende Haltung gegenüber Frauen, „das gemeine Volk“ und exotische Völker nur den Kopf schütteln. Standpunkte und Attitüden, die nur zum Teil dem Zeitgeist des zu Ende gehenden 19. Jahrhunderts zugeschrieben werden können und die nicht nur den heutigen Leser vor den Kopf stoßen, sondern auch die aufgeklärten Schichten seiner Zeit irritiert haben müssen. Er erscheint vielfach unerträglich arrogant, ignorant und lächerlich in seinen Urteilen. So auch an diesem 23. Jänner.

Auf seinem Elefanten sitzend wartet er darauf, dass ihm 300 Treiber einen Tiger vor die Flinte scheuchen. Doch diese sind – in seiner Sicht – faul, unzuverlässig und feig. Und so muss er, der tapfere Held und gleichzeitig Opfer minderwertiger Arbeitsleistungen, der Hitze und den schwankenden Bewegungen des Tieres harren, ohne die Jagd erfolgreich abschließen zu können. Ein Skandal! Entsprechend negativ fällt sein Urteil – wieder einmal – über die Einheimischen aus. „Die Eingeborenen… machten keinen besonders günstigen Eindruck“.

Ein Spruch, den der Herausgeber seiner Tagebücher, Frank Gerbert, gleich zum Titel des Werkes machte. Sehr treffend, wobei ich ihm gerne noch den Untertitel „Ein Thronfolger grantelt um die Welt“ beiseite stellen möchte…

Tandur, 23. Jänner 1893

Obschon der Rath der Jagdkundigen beschlossen hatte, dass wir heute recht früh aufbrechen sollten um den ganzen Tag vor uns zu haben und mehrere Triebe nehmen zu können, war es bei der fatalen Unpünktlichkeit und Zeitvertrödelung, welche hierzulande Europäer wie Eingeborene auszeichnen, leider 10 Uhr geworden, bevor wir uns in Bewegung setzen konnten…

Infolge unrichtiger Berechnung mussten wir auf den Ständen anderthalb Stunden warten bevor der Trieb angieng, was bei der Hitze und der fortwährend schwankenden und webenden Bewegung der Elephanten keineswegs sehr ergötzlich war. Endlich erklang das Signal – vier Tam-Tam-Schläge – zum Beginn des Triebes, und alsbald hörten wir auf ungefähr 1000 m Entfernung das infernalische Geschrei der Treiber, begleitet vor Schreckschüssen, Trompetentönen, Tamtam-Schlägen und dem Geknarre großer Ratschen. Wir lauerten mit gespanntester Aufmerksamkeit und glaubten jeden Augenblick, den Tiger aus dem Dschungel brechen sehen zu müssen. Wer aber nicht kam, war der Tiger. Dafür sahen wir die Treiber sich nähern, – es waren deren 300 aufgeboten – regellos und höchst vorsichtig zumeist einer hinter dem andern und stets auf den bequemsten Stellen; denn diese Leute haben eben begreiflicherweise großen Respect vor Tigern und sind, bevor sie nicht in jedes Gebüsch geschossen oder Steine geworfen haben, nicht vorwärts zu bringen, so dass ein ganz kleiner Trieb von einigen 100 m Ausdehnung unverhältnismäßig lange Zeit erfordert…

Die Eingeborenen dieser Gegend machten auf mich keinen besonders günstigen Eindruck, da sie wenig muthig, unverlässlich, nicht anstellig und recht lässig zu sein scheinen. Will man ihnen etwas klar machen oder einen Befehl ertheilen, so nimmt dies geraume Zeit in Anspruch, da alles durcheinanderschreit und peroriert, worauf sie dann gerade das Gegentheil von dem thun, was gewünscht wurde.

Sobald die Treiber zum Vorscheine gekommen waren, tischten sie uns eine lange Geschichte auf: der Tiger sei im Dschungel gewesen, ein Mann habe ihn gesehen, doch sei der Tiger ausgebrochen – ein Bericht, den ich für erfunden halte. Nun war guter Rath theuer. Wir wollten weiter jagen, der Arrangeur aber erklärte, er müsse sich zunächst mit den Schikâris besprechen und dann erst neuerlich abspüren lassen, überdies bedürften die Treiber der Ruhe, was mir, da sie doch erst eine Stunde lang getrieben hatten, verwunderlich erschien. Schließlich musste nach landesüblicher Unsitte wieder ein Lunch über alle Verlegenheiten hinweghelfen…

Weshalb die mit so bedeutenden Vorbereitungen und Kosten arrangierte Jagdexpedition ergebnislos geblieben war, ist mir nicht ganz klar, ich glaube jedoch nicht fehl zu gehen, wenn ich die Ursache des Misserfolges hauptsächlich in der Trägheit und Unverlässlichkeit der Eingeborenen sowie in dem Umstande suche, dass bei der Leitung des Unternehmens nicht bloß jagdliche, sondern auch persönliche Motive zur Geltung gekommen waren, was bei einem Apparate von der Größe und Complication des hier aufgebotenen wohl eintreten konnte…

Die Reise Franz Ferdinands führt von Pola über Suez, Aden, Sri Lanka, Indien, Nepal, Südostasien, Ozeanien, Australien, China und Japan bis in die Vereinigten Staaten, wo er schmerzlich erfahren muss, was es bedeutet, von Zeitgenossen umgeben zu sein, die eine zutiefst demokratische Gesinnung pflegen und gegenüber Thronfolgern wenig Respekt zeigen. He is not amused.

Er kehrt Mitte Oktober 1893 von seiner Weltreise heim, mit 2.000 Seiten umfassenden Aufzeichnungen und 14.000 erworbenen Objekten. Diese stellt er in seinem eigenen Museum aus – als fürsorglicher Monarch sieht er es als seine Pflicht an, den Horizont seiner Untertanen zu erweitern. Sein Tagebuch wird von seinem Lehrer, Max Wladimir Freiherr von Beck redigiert, von einigen Wildwüchsen und allzu champagnerlastigen Aussagen befreit und für die Drucklegung vorbereitet. Das Buch erscheint 1895 und erzielt keine übermäßige Resonanz.

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1900 heiratet Franz Ferdinand, nach heftigem Streit mit seinem Onkel, die aus niederem Adel stammende Sophie von Chotek. Populär wird er nie – der Kaiser zürnt ihm wegen seiner Mesalliance und das Volk liebt den alten Kaiser.

Am 28. Juni 1914 stirbt er, der große Jäger, ironischerweise durch eine Kugel, abgefeuert von Gavrilo Pincip. Die Tierwelt darf nun aufatmen, doch für Europa ist dies ein schwarzer Tag, ist er doch das auslösende Moment für den Ersten Weltkrieg.

Wer weiß aber, wie sich die Welt entwickelt hätte, wäre Franz Ferdinand am Leben geblieben? Der doch recht arrogante Grantler und Waffennarr war nämlich ein dezidierter Kriegsgegner und gehörte zu den mäßigenden Kräften in der Balkan-Krise. „Führen wir einen Spezialkrieg mit Serbien, so werden wir es in kürzester Zeit über den Haufen rennen, aber was dann? Und was haben wir davon? Erstens fällt dann ganz Europa über uns her (…) und Gott behüte uns, wenn wir Serbien annektieren; ein total verschuldetes Land mit Königsmördern, Spitzbuben etc…“ so Franz Ferdinand 1913 in einem Brief an Leopold Graf Berchtold. Und diese Einschätzung lässt ihn dann doch in einem sympathischeren Licht erscheinen. Ein arroganter Grantler ja, aber einer, der in wichtigen Fragen oft mit klaren und nüchternen Einschätzungen aufwartete…

Das Weltmuseum Wien widmete Franz Ferdinands Weltreise 2014 eine spannende Ausstellung. Unter dem Titel „Franz is here“ wurden zahlreiche Objekte aus seiner Sammlung ausgestellt und bildeten so quasi ein visualisiertes Tagebuch. Bei dieser Ausstellung habe ich seine von Frank Gerbert herausgegebenen, stark gekürzten Aufzeichnungen für mich entdeckt.

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Das Tagebuch-Zitat und die abgebildeten Fotos entstammen folgender Ausgabe:

„Die Eingeborenen machten keinen besonders günstigen Eindruck“ – Tagebuch meiner Reise um die Erde 1892-1893; Franz Ferdinand von Österreich-Este; herausgegeben von Frank Gerbert, Verlag Kremayr & Scheriau KG; Wien, 2013

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