16. Jänner – Throwbackmonday mit Alma Mahler-Werfel

Es ist der 16.1.1900. Die 21-jährige Alma Schindler langeweilt sich ein wenig. Die kurze, stürmische und von ihrer Mutter bzw. ihrem Stiefvater erfolgreich abgewürgte Liebesgeschichte mit Gustav Klimt ist gut 3 Jahre vorbei, die Zemlinsky-Romanze zeichnet sich noch nicht ab. Sie nimmt Kompositionsunterreicht bei Josef Labor, ist Teil des Wiener Gesellschaftslebens und beobachtet scharfsinnig und sehr kritisch die Protagonisten ihres Umfeldes.

Alma liebt Kunst und Künstler und hat einen untrüglichen Instinkt für Qualität. An dieser Qualität kann sie sich dermaßen berauschen, dass sie sich nicht selten in Männer verliebt, die sie auf den ersten Blick als unattraktiv eingestuft hatte. Denn Kunst und die Möglichkeit, diese zu inspirieren, entschädigen sie für einiges. Sie ist die geborene Muse: Auffallend hübsch, klug, kritisch, selbstbewusst und bereit, ihren Partner beim schöpferischen Prozess zu begleiten, ihn zu unterstützen und ihm noch das letzte Quäntchen Kreativität abzuringen – Franz Werfel konnte davon später ein Lied singen. Das Lied von Bernadette zum Beispiel.

Aber noch sind wir nicht soweit. Alma ist jung, ihre berühmten Ehemänner und Partner – Zemlinsky, Mahler, Kokoschka, Gropius und Werfel – lassen noch auf sich warten. Alma sehnt sich nach Klimt und hat für jene Männer, die abseits des Kunstbetriebs Interesse an ihr zeigen, nur Hohn übrig. Eine ausgeprägte Eitelkeit ist ihr dabei nicht ganz abzusprechen. Und so treffend ihre Kritik oft an anderen ist, sich selbst gegenüber ist sie wesentlich toleranter. So erlaubt sie sich in ihrem Tagebuch fragwürdige Stilblüten, wie „Ich sah ihn mit grauen Katzenaugen an“.

Aber hier nun im Wortlaut ihr Tagebucheintrag vom 16. Jänner 1900.

16.I.1900

Vormittags Labor. Habe keine guten Arbeiten gemacht.

Abends Vortrag des Dr. Lichtwark im Gewerbemuseum. Ich habe zum ersten mal seit dieser langen Zeit – Klimt gesehen, und ich fühle wieder: Das ist der Mensch, der mir ewig und eigen von der Natur bestimmt ist. Ich kenne jeden Muscel in seinem Gesicht, und ich kenne seinen ganzen Charakter. Wir standen mit Tante Mie, und er kam an uns vorüber, blieb stehen, machte eine Verbeugung und gieng vorbei. Und ich musste dabei stehn, durfte ihm nicht einmal die Hand geben, musste den trautesten, liebsten Menschen fremd an mir vorüber gehen lassen.

Was hilft mir alle Selbsttäuschung? Ich liebe ja doch nur ihn und werde ihn ewig lieben. Alle sagten, dass ich so blass aussehe. Ist das ein Wunder? Das letzte mal, als ich ihn sah – und heute. Was liegt alles dazwischen.

Wir gingen dann mit Hancke, Hoffmann und Moser soupieren – „Hotel Victoria“. Fritz Wärndorfer kam auch dazu, später Hohenberger, Lenz, Sigmundt, Ottenfeld und Hennebergs. Firz Wänrndorfer saß neben mir. Ich sagte:

– Ich habe nichts zu bereuen (im Gespräch).

Drauf er:

– Denken Sie einmal nach – gar nichts?

Ich war ganz verwundert.

Er: – No, man hört halt so.-

Ich schaute ihn scharf an:

– Nun heraus mit der Sprache.

Er: – Nun, von meiner Schwägerin weiß ich nichts aber ich habe ja Augen im Kopf. In der Gartenausstellung, bei der Eröffnung, da habe ich aufgepasst. Und da ist einer gekommen, habe ich mir gedacht: der nicht. Ein 2ter: auch der nicht. Schließlich ein Dritter: Also der, er wars. Aus jedem Muscel Ihres Gesichts konnt´ich das ersehn. Und mich hats gefreut, dass die schöne Alma einmal pickengeblieben ist, sich geschnitten hat.

Mich empörte diese Redeweise. Wie kann man über ein heikles Thema in der Form sprechen? Zum Schluss sagte ich ihm:

– Herr Wärndorfer, ich bin nicht pickengeblieben!

Er:  – Wie soll ich das verstehen?

Ich: – Nehmen Sie´s , wie Sie wollen.

Hancke, dieser Esel, begann elegisch zu werden. Über seine Zukunft sprach er mit mir, und dass ihm sehr viel daran läge, mein Urtheil zu hören.

– Wissen Sie, mich hält einiges in Wien. Es kommt auf verschiedene Umstände an, verstehen Sie mich?

Ich sah ihn mit grauen Katzenaugen an und sagte:

– Wie meinen Sie das?

Da wurde er verlegen, hüstelte, und ich hatte Gelegenheit, das Gespräch in andre Bahnen zu lenken. Der Dummkopf! Dann zeichnete er mir seine zukünftige Wohnung auf und sagte mit trauriger Miene, dass er zuviel Platz habe, um ein Zimmer zuviel.

– Nehmen Sie einen Zimmerhernn, sagte ich und wandte mich zu Wärndorfer.

Der Moser gefällt mir riesig. Ebenso der Hoffmann. Die andern weniger. Und wenn die ganze Welt sich gegen ihn stemmt, und wenn man von Klimt immer so, vom „eckelhaften Kerl“ spricht – mir ist er heilig, weil sich unsere Lippen berührt haben. Ja, heilig ist er mir!

Alma steigt im Späteren zur Muse Nr. 1 des Fin de Siècle auf. Berühmte Maler, Musiker, Dichter, Denker etc. liegen ihr zu Füßen. Sie gibt Ihnen Inspiration, Zuversicht und ein zu Hause und beherrscht das Spiel der bühnenreifen Aufopferung. Das beginnt bei Mahler, dem zuliebe sie ihr (von Zemlinsky übrigens oft und überzeugend in Frage gestelltes) Kompositionstalent hintanstellt – und endet bei Werfel, dem sie in die Emigration folgt.

Sie schreibt oft von ihrem Wunsch nach Freiheit und Ungebundenheit, doch offensichtlich braucht sie die öffentliche Aufmerksamkeit und das Licht großer Genies, das sich auf sie überträgt, noch viel dringender. Gleichzeitig leidet sie unter ihrer selbstauferlegten Rolle:

5. November 1927

Wieder ein Abend bei Arthur Schnitzler.

Ich sprach darüber, wie die Frau sich durch die Ehe merkwürdigerweise oft von ihrem Ich abdrängen läßt. Etwas dem normalen Manne Fremdes. Ich erzählte Arthur Schnitzler, wie ich mit Gustav Mahler wunderbar sprechen konnte, solange wir uns heimlich kannten. Aber als die Welt von unserer Beziehung wußte und der Tag der Heirat festgesetzt war… wie ich dann von einem Tag zum anderen seine Sprache nicht mehr verstand…

Ihre Tagebuch-Suiten sind jedenfalls eine interessante und aufschlussreiche Lektüre über einen vielseitigen, spannenden, wenn auch etwas überspannten und mit recht vielen Schattenseiten behafteten Charakter. Und quasi nebenbei begegnet man in ihnen so gut wie allen künstlerischen und politischen Größen der Jahrhundertwende in Wien.

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Copyright: Sebastian Kreuzberger

Über Alma Mahler-Werfel ist viel geschrieben worden. Ihre Persönlichkeit provoziert sehr viel Hohn, aber auch ehrliche Bewunderung. Die spannendste Auseinandersetzung mit dieser Grande Dame des Fin de Siècle stellt für mich das interaktive Polydrama „Alma“ von Joshua Sobol dar, das ich 2015 in der Serbenhalle der Raxwerke miterleben durfte. Dabei werden in parallel verlaufenden Szenen in unterschiedlichen Räumlichkeiten eines Gebäudes Eckpunkte aus ihrem Leben dargestellt. Die Besonderheit dabei ist, dass 3 Schauspielerinnen die jeweils 20-, 30- und 40-jährige Alma verkörpern. Eine große Empfehlung!

Die Zitate entstammen folgenden Ausgaben:

16.01.1900: Tagebuch-Suiten 1898-1902; Alma Mahler-Werfel; Herausgegeben von Antony Beaumont und Susanne Rode-Breymann; S.Fischer; Frankfurt am Main, 1997

05.11.1927: Mein Leben; Alma Mahler Werfel; Fischer Taschenbuch Verlag; Frankfurt am Main, 1999

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