Shelfie 2016

Ein kurzer Rückblick auf mein Lesejahr 2016 – mit jeweils einem persönlichen Highlight pro Monat. Gleichzeitig auch ein Arbeitsauftrag an mich: über diese Bücher möchte ich ausführlicher schreiben. Viel Spaß beim Stöbern!

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Jänner: Eine Geschichte von Liebe und Finsternis; Amos Oz

Eine feinfühlige Familiengeschichte im Jerusalem der 1940er Jahre, mit dem herzzerreißendsten Liebes-Comeback-Versuch, der jemals beschrieben wurde.

Februar: The Autobiography of Alice B. Toklas; Gertrude Stein

Eine geistreiche, sehr witzige Lebensgeschichte, in der die gesamte Pariser Boheme des frühen 20. Jahrhunderts skizziert wird und – hin und wieder – auch Alice B. Toklas vorkommt.

Hier meine Gedanken zum Buch

März: Failure is not an option; Gene Kranz

Ja, der Mann auf dem Cover (und somit der Autor) ist der coole Typ, der in Apollo 13 Zigarren rauchend die Rettungsmaßnahmen des Raumfahrschiffes überwachte und somit das Leben von Tom Hanks und seinen Kollegen rettete. Die Inspiration zur Lektüre kam nach einem überraschend beeindruckenden Besuch in Cape Canaveral. Und befreit man den Text von unvermeidbarem Ami-Patriotismus, so ist er eine spannende, interessante und sogar für Laien wie mich verständliche Beschreibung der doch recht faszinierenden Entwicklungen der Raumfahrt.

April: Der Patagonische Hase; Claude Lanzmann

Ein fulminanter, wenn auch etwas verstörender Beginn. Ein pulsierender, spannender, farbenprächtiger Erzählfluss und so viele Geschichten, die mehrere Leben füllen würden. Ist Lanzmann ein Angeber? Ja natürlich. Verzeiht man es ihm? Sehr gerne. Denn es macht Spaß, ihm zuzuhören und die Bewunderung für sein Lebenswerk und sein moralisch-künstlerisches Durchhaltevermögen wächst mit jeder Seite.

Meine ganz persönlichen kleinen Höhepunkte bilden übrigens, ich hoffe, es erscheint nicht zu frivol, die Wandertage mit Simone de Beauvoir.

Mai: Jules und Jim; Henri-Pierre Roché

Eine recht banale, aber unterhaltsame kleine Geschichte mit einem sehr eigenwilligen, nonchalanten Stil. Im Prinzip wird nicht erzählt, sondern aufgezählt. Ein Buch, in dem eine der wichtigsten Darstellerinnen über 30 Seiten hinweg mit folgendem lapidaren Satz entsorgt wird:

Odile brach mit ihren Landsleuten zu einer Reise mit dem Auto auf, „vielleicht für immer“, sagte sie.

Juni: The Portrait of a Lady; Henry James

Ein sehr schöner Text, der über lange Strecken große Freude bereitet. Die Figur des Ehemannes jedoch und die Entscheidung der Protagonistin, ihr Leben von ihm nachhaltig versauen zu lassen, sind aus meiner Sicht, bzw. aus der Art, wie ihr Charakter auf den vorhergehenden hunderten Seiten dargestellt wurde, nicht nachvollziehbar. Tradition und Ehre scheinen, in Anbetracht all dessen, was man über Isabel bis dahin erfuhr, eine allzu seichte Begründung. Echt Schade um das Erbe ihres Onkels.

erstes-halbjahr

Juli: From Day to Day; Odd Nansen

Der Sohn vom berühmten Polarforscher Nansen saß, aufgrund seiner politischen Überzeugungen, jahrelang in Konzentrationslagern – zunächst in Norwegen, später in Deutschland, u.a. in Sachsenhausen. Die Besonderheit dieses Werkes ist, dass es sich hierbei nicht um Erinnerungen, sondern um fast täglich aufgezeichnete, sehr ausführliche Tagebucheintragungen handelt, die minutiös und mit sehr klarem, fast schon distanziertem Blick die unmenschliche und gleichzeitig maßlos absurde Welt der nationalsozialistischen Tötungsmaschinerie beschreiben.

In Sachsenhausen begegnet Nansen einem 10-jährigen Buben, Tommy und trägt, soweit es geht, dazu bei, dass dieser überleben kann. Ihre Wege trennen sich jedoch nach einigen Wochen. Was wird aber aus einem Kind, das in so jungen Jahren durch die Hölle gehen muss? Selbst wenn er überlebt, wie wirken sich die Erfahrungen auf seinen Charakter aus? Die Frage ließ mir keine Ruhe. Ich recherchierte ein wenig und siehe da:

August: Ein Glückskind; Thomas Buergenthal

Tommy hat nicht nur überlebt, sondern schaffte es, die Hölle, soweit vorstellbar, unbeschadet zu überstehen. Seine Lebensgeschichte gibt Hoffnung. Er ist nach Amerika emigriert, gründete eine Familie und arbeitete jahrzehntelang als weltweit geachteter Völkerrechtler, unter anderem am Internationalen Gerichtshof in Den Haag. Auf youtube findet man zahlreiche Vorträge von bzw. Interviews mit ihm.

September: Never Let Me Go; Kazuo Ishiguro

Hier meine Gedanken zum Buch.

Oktober: Sie belieben wohl zu scherzen, Mr. Feynman!

Feynman gilt als einer der größten Physiker des 20. Jahrhunderts, der wesentliche Beiträge zum Verständnis der Quantenfeldtheorien geliefert hat. Das wäre aber noch kein Grund für mich, seine Lebenserinnerungen zu lesen. Vielmehr jedoch sein Ruf, einer der unkonventionellsten, witzigsten Physiker gewesen zu sein. Sein Buch sprüht vor Energie, dem Drang, immer Neues zu lernen, zu erfahren; Menschen, Dingen, Gesetzmäßigkeiten, der Welt eben auf den Grund zu gehen, ALLES zu hinterfragen. Ein großes Abenteuer – mit spannenden Einsichten in das wissenschaftliche und politische Leben der USA in den 40er-60er Jahren, Los Alamos inclusive.

November: Die Bienen; Laline Paull

Leben und Aufstieg der Arbeitsbiene Flora 717 in einem solidarisch, aber strikt kastenbasiert organisierten System. Schwer greifbar, das Buch. Stellenweise unglaublich kitschig, aber dermaßen fantasievoll und poetisch, dass man es trotzdem nicht aus der Hand geben kann. Großes Kino, nichts für Imker.

Dezember: Ein Tag im Jahr; Christa Wolf

Für einen Christa Wolf-Aficionado wie mich ein wahrer Hochgenuss. 40 Jahre mit ihr – und das sehr privat. Die Sätze sind nicht so hoch ziseliert, dass man sich jeden einzelnen einprägen möchte. Stattdessen begegnet man dem Menschen Christa Wolf: ihrer Familie, ihren privaten und gesellschaftlichen Sorgen, Gedankengängen, Entwicklungen. Es gibt übrigens noch einen zweiten Band mit „Ein Tag im Jahr“, dieser umfasst die Jahre 2001-2011.

zweites-halbjahr

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9 Gedanken zu “Shelfie 2016

  1. Ich bin auch schon sehr gespannt … einige der Bücher habe ich selbst schon gelesen und freue mich darauf zu sehen, ob wir da ähnlich denken oder nicht … Einige sagen mir noch gar nichts, da bin ich jetzt erst einmal neugierig gespannt.
    Gertrude Stein: Stimmt, das Buch ist sehr amüsant, aber sehr viel sympathischer wurde mir Frau Stein dadurch auch nicht …

    Gefällt 1 Person

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