09. Jänner – Throwbackmonday mit Rainer Maria Rilke

Es ist der 9. Jänner 1911, Rilke ist in Ägypten unterwegs. Er beschäftigt sich seit Längerem mit der ägyptischen Kultur: erste Anregungen erhielt er dazu von seinem Freund Rodin. 1906 hat wiederum seine Frau Clara einige Zeit in Ägypten verbracht, um Skizzen und Bilder für bildhauerische Aufträge anzufertigen. Rilke, fasziniert von den Eindrücken, die Clara ihm in ihren Briefen mitteilte, plante ein gemeinsames Werk mit ihr, mit Bildern von Clara, begleitet von  seinen eigenen Texten. Das gemeinsame Werk wurde zwar nie umgesetzt, die intensive Beschäftigung mit der altägyptischen Kultur fand jedoch reichen Niederschlag in seinem 1907 verfassten Requiem an Paula Modersohn-Becker.

1911 ist es aber endlich soweit: Rilke bricht nach Ägypten auf. Die Reise ist jedoch alles Andere als erfolgreich. Er trennt sich von seiner Reisegefährtin und wird, auf sich gestellt, schnell krank. Er leidet nicht nur körperlich: auch der erwartete kreative Höhenflug stellt sich nicht ein. Er ist von der geistigen und religiösen Totalität der altägyptischen Kultur tief beeindruckt, schafft es jedoch nicht, diese wirklich zu erfassen und vor allem schöpferisch zu verarbeiten. Statt der erhofften Inspiration wird er nachhaltig in seiner Arbeit blockiert.

Seine Briefe an Clara sind jedoch poetisch und geschmeidig und lassen zunächst nicht viel von seinen Qualen erahnen.

s/s Ramses the Great, Bedraschên, am 10. Januar 1911, nach 6 Uhr abends

… erster Tag auf dem Nil, wir liegen seit Mittag vor Bedraschên, jetzt ist die starke, dunkelblaue Dunkelheit eingebrochen, drüben am rechten Ufer, uns gegenüber, muß Helouan liegen, man zeigt mir die Lichter.

Wir kamen eben an Bord zurück, zweimal ritten wir durch die Palmenlichtung, in der der ungeheure Ramses liegt, wie nur Welt, allein mit sich, unter der Fülle des Raumes liegen kann.

Ich habe ihn also gesehen und als das erste, das wollte ich Dir gleich schreiben.

Und einige Tage später:

Mittwoch den 11., gegen 4 Uhr nachmittags

Heute legen wir nirgends an, aber alles kommt zu uns, wie wir so fahren: Bêni-Suef, eine große Stadt mit weißem Minarets, einem grünen Palast und Vorstädten aus Nilschlamm, die sich ins Erdreich verlieren; viele Dörfer unter großen Palmbäumen, kleinen koptischen Klöstern, Steinbrüchen und Bergzügen, die plötzlich am Nil mit Windprofilen endigen. Und alles Uferleben wird uns sichtbar, vom Vogeldasein an bis zu dem einfachen Verlauf der Dörfer, die sich braun und einfärbig ans große gesegnete Wasser herunterstufen. Gruppen von Hirten und Händlern, Leichenzüge in raschem Gedränge und, einzeln, die langsam und senkrecht herausbewegten Figuren der Wasserträgerinnen, denen andere vom Fluß her entgegenkommen. Und auf einmal, oben auf einem runden Vorgebirg, ein abwartender Raubvogel.

Der Tag hat sich langsam eingedeckt, es ist kühl auf Deck, die Farben sind nur noch Abwandlungen des einen Brauns, das das Geheimnis hat sich für Rosa auszugeben. Feldstreifen sind grün wie in Miniaturen, und man wird immer fähiger, das Schwarz oder Blau der Gestalten als Farbe auszukosten und ein seltenes kleines Stück reinen Rots wie einen Edelstein zu behandeln.

Heut abend kommen wir nach Miniêh, wo wir die Nacht anliegen. Dort geht dieser Brief zur Post, der Euch viele liebe Grüße bringt.

aber dann…

s/s Ramses the Great, Luxor, am 18. Januar 1911

Wir sind drei Tage in Luxor, heute war der zweite, noch der ganze morgige Tag; aber man müßte viel länger hier sein, nicht sehen müssen, um später vieles gesehen zu haben. Auf dem östlichen (arabischen) Ufer, an dem wir anliegen, ist der Luxortempel mit den hohen Kolonnaden knospiger Lotossäulen, eine halbe Stunde weiterhin dieses unbegreifliche Tempelwelt von Karnak, die ich gleich den ersten Abend und gestern wieder im eben erst abnehmenden Monde sah, sah, sah, – mein Gott, man nimmt sich zusammen, sieht mit allem Glaubenwollen beider eingestellter Augen…  da steht eine Kelchsäule, einzeln, eine überlebende, und man umfaßt sie nicht, so steht sie einem über das Leben hinaus, nur mit der Nacht zusammen erfaßt mans irgendwie, nimmt es im ganzen mit den Sternen, von ihnen aus wird es für eine Sekunde menschlich, menschliches Erlebnis… wir ritten heute durch das gewaltige Tal, in dem die Könige ruhen, jeder unter der Schwere eines ganzen Berges, auf den sich auch noch die Sonne stemmt, als wärs über die Kraft, Könige zu verhalten.

Aus dem letzten Brief geht schon deutlich hervor, wie stark der Dichter überfordert ist. Die Tempelwelt ist „unbegreiflich“ und die Kelchsäule „erfaßt man nur mit der Nacht zusammen irgendwie“.

karnak

Dichterisch kann Rilke die Reiseeindrücke nicht wirklich umsetzen. Am ehesten gelingt es ihm vielleicht noch in Die Ägyptische Maria.

Ich habe aber noch in seinen Werken aus dem Nachlass gestöbert und ein interessantes, etwas holpriges und ungelenkes Gedicht mit dem Titel Aus dem Nachlass des Grafen C.W. (Erste Reihe) VII gefunden. Als würde Rilke all das, was sich seinem Geist verschloss, einer Kunstfigur in den Mund legen wollen – soll er sich doch für die gequälte Metrik genieren müssen.

Und siehe da – was kommt uns gleich in der sechsten Zeile entgegen? Da grüßt uns doch die Säule aus dem Brief vom 18. Jänner wieder. So schließt sich der Kreis…

…Ist Reisen – Suchen? Nun, dies war ein Ziel.

Der Wächter an dem Eingang gab uns erst

 

des Maßes Schreck. Wie stand er niedrig neben

dem unaufhörlichen Sich-überheben

des Tors. Und jetzt, für uns ganzes Leben,

die Säule-: jene! War es nicht genug?

 

Zerstörung gab ihr recht: dem höchsten Dache

war sie zu hoch. Sie überstand und trug

Ägyptens Nacht.

Der folgende Fellache

blieb nun zurück. Wir brauchten eine Zeit,

dies auszuhalten, weil es fast zerstörte,

daß solches Stehn dem Dasein angehörte,

in dem wir starben. – Hätte ich einen Sohn,

ich schickt ihn hin, in jenem Wendejahre,

da einer sich entringt ums einzig Wahre.

„Dort ist es, Charles, – geh durch den Pilon

und steh und schau…“

Uns half es nicht mehr, wie?

Daß wirs ertrugen, war schon viel….

Die Zitate entstammen folgender Ausgabe: Rilke Briefe, Erster Band; Herausgegeben vom Rilke-Archiv in Weimar in Verbindung mit Ruth Sieber-Rilke, Insel Verlag, Frankfurt am Main, 1950

Rilke Werke.png

 

 

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