26. Dezember – Throwbackmonday mit Anna Freud

Es ist der 26. Dezember 1921 – die junge Anna Freud, die gerade ihre erste Analyse beendet hatte, lernt, durch die Vermittlung ihres berühmten Vaters, die damals schon sehr bekannte Lou Andreas Salomé kennen. Die 60 jährige Lou, die mit ihrem messerscharfen Intellekt und persönlichen Charme große Denker wie Paul Rée, Friedrich Nitzsche, Rainer Maria Rilke etc. in ihren Bann zog, verfehlt ihre Wirkung auch auf die 26-jährige Anna Freud nicht. Anna schreibt ihr bereits einige Tage nach ihrem Besuch in Wien verklärte Briefe, die Lou nicht minder enthusiastisch und freundlich beantwortet. Der Briefwechsel ist „der Beginn einer wunderbaren Freundschaft“. Die beiden Frauen tauschen sich 16 Jahre lang aus: ihre Korrespondenz ist von einem warmen, intimen, fast schon mädchenhaften Ton geprägt, beinhaltet zahlreiche Kleinigkeiten des Alltags aus Frauensicht, Tagträume, Strick- und Häkelanleitungen –  beschreibt aber mit der gleichen Selbstverständlichkeit, quasi nebenbei, minutiös die Entwicklung der psychoanalytischen Bewegung. Für Rilke-Interessierte bietet sie interessante Einblicke in die Duineser Elegien und ist auch ein einzigartiges Zeitdokument hinsichtlich der politischen und kulturellen Entwicklungen der Zwischenkriegszeit in Österreich und Deutschland. Aber lesen wir den 2. Brief Anna Freuds, den Beginn, im Freudentaumel des „kaum geborenen Du“:

Wien, 26. Dezember 1921

Meine liebe Lou, ich muß meinen Brief von hinten anfangen, dort wo Deiner aufhört, bei den vielen Grüßen und allen Hausgenossen: Betti läßt Dir noch einmal die Hand küssen und sich bedanken und sagen, daß sie noch immer aus Irrtum etwas von der Suppe wegstellen will und Fanni läßt Dich vielmals grüßen und ich soll ausrichten, daß sie alle Tage auf Dich denken muß. Das ganze Haus denkt aber noch viel öfter an Dich: in der Früh, wenn es Zeit wäre, Dir das Frühstück zu bringen, beim Gabelfrühstück, wenn jemand gesucht wird, der die Knuste essen soll, beim Tischabräumen, und abends bei Papa, und Sonntag Abend beim Geschirrabwaschen und sogar das heiße Wasser in der Küche kränkt sich, daß niemand es mehr so ganz richtig schätzen will. Wenn aber das Haus, das Dich doch nur ein bißchen gehabt hat, so viel an Dich denkt, dann ist es sehr begreiflich, daß ich es noch sehr viel mehr und sehr viel öfter tue; aber diesmal nicht so, als ob jetzt alles fort wäre und ich selbst auch mit weggegangen, sondern so, als hätte ich, während Du da warst, eine große Menge Dicke angesetzt und würde die jetzt ganz langsam aufzehren und dabei immer noch schmecken, wie gut das alles war.

Wir haben uns sehr gefreut, daß Deine Reise gut war und Dr. Zeller sich im Zusammentreffen mit Dir doch noch bewährt hat. Jetzt, glaube ich, mußt Du mit meinem Brief zusammen in Göttingen ankommen. Weihnachten war auch hier noch frühlingsmäßig, und im Haus ohne große Ereignisse, schön und ruhig, nur mit Mathilde und Robert gefeiert. Die Weihnachtsstriezeln habe heuer wegen Bettis kranker Hand alle ich gebacken (ich war sogar sehr stolz, daß sie gut aufgegangen und hoch und braun geworden sind; auch Stracheys haben einen bekommen). Da war es doch sehr traurig, daß ich keinen für Dich machen konnte. Jetzt fängt auch der Verlag langsam wieder an, sich um mich zu kümmern und Arbeit für mich zu suchen und ich finde es sehr schön von ihm, wie wenig er mir nachträgt, daß ich die ganze Zeit über fast gar nicht an ihn gedacht habe.

Liebe Lou, ich schäme mich etwas, daß es mit dem Du- und Lou-Sagen so schrecklich leicht geht. Wenn die andern hier davon wüßten (zum Glück wissen sie es ja nicht) würden sie es sehr unverschämt von mir finden, aber Du weißt, daß es nicht so gemeint ist. Und jetzt, wo Du zuhören mußt, kann ich Dir alles auszählen, wofür ich Dir so dankbar bin: erstens, daß Du gekommen bist, natürlich, und dann, daß du so bist, wie ich es noch von gar niemandem gekannt habe, daß ich so viel mit Dir sein konnte und Dich kennen lernen, daß Du sogar noch ein Stückchen von mir in guter Erinnerung bei Dir behalten willst und zum Schluß noch für Deinen Brief, der das schönste Weihnachtsereignis war. Und zu dem „Stückchen von mir“ wollte ich noch etwas dazusagen: wenn Du einmal bei irgendeiner Gelegenheit meinst, mich als ganzes brauchen zu können, (wenn es auch nur ein bayrisches Dorf ist, wo Du gepflegt werden solltest wie heuer im Sommer) dann versprich, es mich wissen zu lassen; irgendwo bin ich immer und komme dann schnell und tue was Du willst.

Ich weiß, Du glaubst es ja nicht, aber ich habe mir bisher immer vorgestellt, daß das Auf-der-welt-sein eigentlich etwas feindliches ist und das Gute und Schöne daran nur die Menschen, die einen lieb haben.

Zum Schluß kommen noch einmal alle Grüße…

Ich sage Dir so herzlich und so ungern adieu wie jeden Abend, wenn Du erklärt hast, daß der Mensch schlafen gehen muß. Und – wenn es Dir recht ist – schicke ich Dir einen Kuß.

Deine

Anna.

Das Zitat entstammt folgender Ausgabe: Lou Andreas-Salomé, Anna Freud; „…als käm ich heim zu Vater und Schwester“ – Briefwechsel, 1919-1937, Band I, herausgegeben von Daria A. Rothe und Inge Weber; Wallstein Verlag, 2003

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2 Gedanken zu “26. Dezember – Throwbackmonday mit Anna Freud

  1. Solche Briefe würde ich auch gern schreiben können. Lesen gefällt auch. So werde ich mir nicht nur die neuen Bände mit Briefen von Christa Wolf und die Biografie von Marina Abramovic kaufen, sondern auch das hier beschriebene Buch. Vielen Dank!

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