19. Dezember – Throwbackmonday mit Oskar Kokoschka

Wir schreiben das Jahr 1948. Oskar Kokoschkas Florenz-Aufenthalt neigt sich dem Ende zu. Er hat auch diesen in einem seiner berühmten, tagebuchähnlichen Skizzenbücher verewigt, in denen er, als selbstbewusster Repräsentant eines europäischen Erbes, die besuchten Städte mit ihren unterschiedlichen Temperamenten porträtiert. Sein Kolorit ist fein, ausdrucksstark und eigenständig, frei vom Einfluss zeitgenössischer „Ismen“.

kokoschka-florenz

aus Kokoschkas „Florentiner Skizzenbuch“

In Florenz lernt Kokoschka Conte Tancredi, den Direktor des Fremdenverkehrsamtes von Florenz kennen. Der heutige Throwback-Brief ist an ihn adressiert und setzt sich mit der Frage auseinander, ob es überhaupt möglich sei, weltberühmte, oft interpretierte Kunst mit frischem Blick, frei von einem kanonisierten Schema zu betrachten. Kokoschkas Sichtweise ist recht negativ, sowohl was Kunstgenuss, als auch den Gestaltungswillen betrifft. Noch pessimistischer wirkt er, geprägt durch die tragischen Kriegsjahre, wenn er sich über die kaum vorhandene Lösungskompetenz für gesellschaftliche Probleme äußert. Interessant ist jedoch zu sehen, wie aktuell einige seiner Fragestellungen heute noch sind.

Der Brief ist an manchen Stellen recht anstrengend, bietet aber interessante Einblicke in Kokoschkas Umgang mit künstlerischer Konzeption, Rezeption und Erneuerungskraft.

 (Ich hätte auch einen viel früheren Brief an seine geliebte „Almi“ – Alma Mahler Werfel – aussuchen können, aber ich wollte uns allen seine etwas unreflektierten Ergüsse ob der häufigen häuslichen Dramen ersparen). Hier also Kokoschka als Künstler – am Ende seines Florenzaufenthaltes:

Florenz, Dezember 1948

Mein lieber Graf Tancredi,

zur Zeit, da ich auf Ihren Wunsch Ihnen diesen Brief über meine Eindrücke schreibe, die ich in Florenz empfangen habe, bereite ich mich ungerne auf meine Abreise vor. Wenn ich Ihre Stadt ein dutzendmal besuchen hätte können, oder wenn ich das Glück gehabt hätte, hier geboren zu sein und mein Leben als Künstler hier verbracht zu haben, dann wäre ich imstande, weniger hastig über die fast tragische Erfahrung hinwegzugleiten, daß ein künstlerischer Gestaltungswille, der einmal mit dem Pathos revolutionärer Tat sich äußerte, mit der Zeit notwendigerweise versiegen muß. Wie der eiserne Vorhang im Theater fallen muß, nachdem das Spiel zu Ende ist. Wie der Gestaltungswille der Künstler der Renaissance!

Gewiß soll man mit Touristen versöhnlich sein, welche doch nur oberflächliche Eindrücke mitnehmen können, obwohl gerade von diesen so viel über Florenz zusammengeschrieben worden ist, in Zukunft noch geschrieben werden wird, so daß der sich in der Renaissance äußernde Gestaltungswille fast zum Material bloßer Bildung herabsank, zu einem kanonisierten Schema, welches die Blicke nicht lebendiger zu machen im Stande ist, obwohl, dank diesem Schema, kein Künstlername, kein Datum unbekannt blieben und jeder amüsante, tragische Winkel der Renaissancewelt ein für allemal durchforscht und durchleuchtet worden ist.

Diejenigen, die mit ihrer „Bildung“ bewaffnet nach Florenz kommen und erwarten, „das Schöne“ sei das Kriterium der Kunst, sie mögen weiter ruhig die verschlossenen Türen passieren, ohne zu merken, nachdem sie ihren Zoll der Bewunderung vor den unsterblichen Kunstwerken abgestattet haben, daß es verschiedene, einander widersprechende Interpretationen des „Schönen“ geben könnte. Für den Touristen ist ja meistens das Problem gelöst, nachdem der Fachmann für ihn die Zeugnisse des Gestaltungswillens eines Zeitraums, einer Gesellschaft, eines Volkes auf einen stilgeschichtlichen Nenner gebracht hat. Jedoch, was die tragische Erfahrung betrifft, eine Frage, die zu komplex ist, um von einem Fachmann für uns selber beantwortet zu werden, ob wir nun Touristen oder Einheimische sind, gerade dies ist ein Problem, das mir nicht allein in Florenz, sondern überall, wo ich nach dem zweiten Weltkrieg weilte, zum Bewußtsein kommt. Es scheint mir heute, als ob ein jeder von uns dieser gewissen verschlossenen Türen gewahr wäre, die wir passieren, als ob sie nicht existierten. Es sei als belanglos dahingestellt, ob wir unsere lebendigen Blicke aus Notwendigkeit oder aus freiem Entschluß abwenden. Typisch scheint mir vielmehr für die heutige Gesellschaft zu sein, daß diese am Pathos revolutionärer Tat, wie es sich allein im künstlerischen Gestaltungswillen manifestiert, nicht selber mehr Teil haben will, weil unsere Gesellschaft dem Erlebnis der Geschichtlichkeit menschlicher Existenz auszuweichen sucht. Weil die heutige Gesellschaft diesen Augenblick, der „unsere Zeit“ im Laufe der Millionenjahre menschlicher Existenz bedeutet, nicht durch das Zeugnis eines gestaltenden Willens zu beglaubigen vermag. Weil unsere Gesellschaft jene Macht, die vornehmlich dem Künstler gegeben ist, das Chaos zu ordnen, die Mächte des Wahnsinns, Schreckens und Terrors zu bannen, lediglich analytisch zu begreifen und dialektisch zu zergliedern, also zu relativieren versucht, um solcherweise über die uns allen etwas heimlich erscheinende Situation hinwegzukommen, daß wir uns hier mit einer Konvention fügen, weil wir uns vom alten Herkommen und Brauch nicht befreien können.

Man bewundert die Kunst der Vergangenheit und verläßt sich auf die Wunder des technischen Fortschritts unserer Zeit, daß irgendwie irgendwann damit auch unser gesellschaftliches Problem gelöst werden wird, im Notfall auf dem Wege eines dritten Weltkrieges.

Ich schätze Ihre persönliche Bekanntschaft gemacht zu haben und verabschiede mich von Ihnen mit den herzlichsten Grüßen, Ihr ergebener

Oskar Kokoschka

Das Zitat entstammt folgender Ausgabe: Oskar Kokoschka; Briefe III, 1934-1953;  herausgegeben von Olda Kokoschka und Heinz Spielmann; claassen Verlag, Düsseldorf, 1986

kokoschka-bucher

Advertisements

3 Gedanken zu “19. Dezember – Throwbackmonday mit Oskar Kokoschka

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s