Christkind gone wild

Früher war alles besser: weiße Weihnachten und pausbäckige Kinder, die mit strahlenden Augen und Inbrunst „Stille Nacht“ sangen. Wenige, aber mit viel Liebe ausgewählte Geschenke, die nicht nur Sekunden der Neugier befriedigten, sondern viele Jahre über Freude und Spaß bereiteten… So die Legenden. Die durchaus stimmen können. Oder auch wieder nicht. Zumindest in einigen Fällen, welche erfindungsreiche, leicht durchgeknallte Pioniere der Spielzeugindustrie Kindern und ihren etwas leichtsinnigen Eltern beschert haben. Begeben wir uns auf Spurensuche…

In den 60er Jahren war der Fortschrittsglaube sehr stark ausgeprägt. Die Segnungen moderner Technik wollte man auch den Kindern nicht vorenthalten. So fanden kleine Mädchen nicht nur Holz- oder Plastikmodelle von kleinen Küchen unter dem Weihnachtsbaum, sondern auch authentisch nachgebildete kleine Herde, die mit echtem Strom betrieben wurden.  Die Herdplatte des Spitzenmodells „Empire Little Lady Stove“ konnte auf bis zu 315°C erhitzt werden. Wer dieses „Spielzeug“ wohl zugelassen hat? Jedenfalls war er bestens geeignet, künftigen Hausfrauen die Gefahren der Küchenarbeit näherzubringen. Ich möchte gar nicht wissen, wie viele kleine Finger verbrannt und Goldfische erhitzt oder verkocht wurden… Übrigens schalten heute die meisten Herde aus Sicherheitsgründen bereits bei tieferen Temperaturen automatisch ab. Etwas Gefahrenbewusstsein dürfte sich aber mit der Zeit auch in den USA entwickelt haben: der „Empire Little Lady“ war unter den ersten Spielzeugen, die verboten wurden.

herd

Man wollte es jedoch nicht so schnell aufgeben, Mädchen bereits in frühem Alter an Gefahrensituationen, die der Hausarbeit innewohnen, heranzuführen. So gab es zahlreiche weitere elektrische Spielzeuge wie Miniaturbügeleisen, Toaster etc. Wie ich die amerikanischen Mädchen um diese beneidet hätte, hätte ich in meiner Kindheit überhaupt gewusst, dass es dermaßen echte Nachbildungen gab! Mein Neid wäre jedoch wahrscheinlich schnell verblasst, hätte ich bedacht, wie schnell man sich die Finger mit diesen verbrennen konnte. Selbst wenn die Eltern etwas tiefer in die Tasche griffen und das 50c teurere, doppelt isolierte Spielzeug-Bügeleisen kauften: dieses wurde auch noch bis zu 120°C heiß. Kochendes Wasser ist fast schon lauwarm dagegen…

Amerikanische Eltern dürften jedoch einen recht entspannten Umgang mit Verbrühungen an den Tag gelegt haben. Einen nicht geringen Anteil daran hatte Alfred Carlton Gilbert. Der ehemalige Leichtathlet (Olympiasieger im Stabhochsprung mit aus heutiger Sicht eher bescheidenen 3,71 Meter) absolvierte nach seiner Sportlerkarriere ein Medizinstudium und gründete anschließend eine Spielzeugfabrik. Dieses meldete im Laufe der Zeit über 150 Patente an und verkaufte gut 30 Millionen Spielzeugsets, unter anderen „Klassiker“ wie „Creepy Crawler“: Kinder mussten hier eine PVC-haltige Plastikmischung in bis zu 150°C erhitze Insekten-Gussformen füllen, geduldig warten, bis diese auskühlten, um dann die Figuren zu entnehmen und mit bleihaltiger Farbe zu bemalen. Wenn das nicht creepy ist…

Wer aber noch seine Finger beisammen hatte, konnte sein Glück mit dem „Gilbert Glasbläser Set“ probieren (man beachte, dass Glas ab einer Temperatur von ca. 600 °C verformt werden kann). Weiters gab es zahleiche Bleigieß-Sets, um einen sicheren Umgang mit Hitze zu erlernen.

Für jene, die die mörderische Hitze gemeistert hatten, gab es den „Gilbert Chemiekasten“ mit 56 ausgewählten Chemikalien, darunter so gefährlichem Zeug, wie Kaliumpermanganat oder Ammoniumnitrat. Letzteres wird übrigens von Terroristen bevorzugt bei der häuslichen Herstellung von Sprengstoff benutzt. Aber was soll´s! Kinder sind unschuldig. Deswegen soll man sich auch nichts dabei denken, wenn in der Gebrauchsanweisung erklärt wurde, wie man kleinere Explosionen herbeiführen konnte. Es wurde ja auch explizit darauf hingewiesen, dies ja nicht im größeren Rahmen zu probieren…

chemikasten

Aber wer seine Kinder WIRKLICH hasste, ging aufs Ganze und kaufte ihnen das Gilbert U-238 Atomlabor! Dieses recht teure Set stammte aus der Zeit der waschechten Atomeuphorie und bot jungen Kernphysikfreaks die Möglichkeit, mit radioaktiven Substanzen zu experimentieren. Es enthielt vier verschiedene Uran-Mineralien, drei künstliche Strahlenquellen, einen Geigerzähler und eine Wilsonsche Nebelkammer zur Veranschaulichung der Flugbahnen radioaktiver Teilchen. Kinder waren also aufgefordert, mit radioaktiv strahlenden Pulvern zu hantieren! Eine Kernspaltung konnte zwar dankenswerter Weise nicht durchgeführt werden denn dazu fehlte das angereicherte Uranisotop U-235, man erhielt stattdessen lediglich das im Titel des Spielsets erwähnte Isotop U-238.

Aber makabres Spielzeug ist keine exklusive Erfindung des 20. Jahrhunderts. Sogar der große Humanist Goethe erwies einen sehr eigenartigen Geschmack, was kindgerechte Unterhaltung betraf: So wollte er seinem erst vierjährigen Sohn August zu Weihnachten 1793 eine kleine Guillotine schenken! Sehr zur Entrüstung seiner Frau Mama.

Kinder, vor allem Buben scheinen überhaupt oft Gefallen an Waffen und Spielzeug im Dunstkreis von Kriegen und Katastrophen zu finden. Laut Psychologen hat dies damit zu tun, dass diese für sie die Möglichkeit bieten, angsteinflößende Ereignisse, die sie in den Medien mitbekommen, zu verarbeiten. Nur damit ist wohl zu erklären, warum Produkte wie ein James-Bond-Gangsterkit, der legendäre Remco Erdbeben Turm oder das Ebola-Plüschtier aus dem Haus Giant Microbes Verkaufsschlager werden konnten. Giant Microbes führt übrigens auch niedliche plüsch  Schweinegrippe-Erreger, Streptokokken und Herpesviren im Sortiment.

Spielzeug bildet überhaupt oft die reale Umwelt, das Zeitgeschehen ab. So wurden in den 50er Jahren sehr rasch Raumfahrt-Spielzeuge entwickelt: Kaum wurden die ersten Satelliten in den Orbit geschossen, erschienen schon Mondraketen, Astronautenhelme und Co. in den Kinderzimmern. Die skurrillste Entwicklung waren die Mondschuhe: Man befestigte quasi Miniaturtrampoline aus Metall unter den Schuhen, um ein Gefühl der Schwerelosigkeit zu erzeugen. Wenn ich mir das Originalmodell anschaue, erzeugt es eher ein Gefühl der Angst in mir: ich denke an Knöchel- und sonstige Brüche, Blutergüsse und Metallteilchen, die sich in Kinderfüße bohren… Interessanterweise erlebte diese Erfindung in den 90er Jahren ein Revival – diesmal wesentlich diskreter und sicherheitverheißender verpackt. Trotzdem wird auch bei den neuen Schuhen empfohlen, einen Helm sowie Knie- und Ellenbogenschutz zu tragen und die Schuhe „ausschließlich unter unmittelbarer Aufsicht von Erwachsenen“ zu verwenden. Wenn das nicht hilft…

moon-shoes

Ich möchte diesen vorweihnachtlichen, etwas sarkastischen Beitrag jedoch versöhnlich beenden und noch kurz über das Lieblingsspielzeug meiner Kindheit schreiben.  Es war ein LEGO-Set und das schreibe ich nicht etwa deswegen, weil ich gleich nach meinem Studium 4 Jahre für dieses Unternehmen mit einer unvergleichlich hochentwickelten Firmenkultur arbeiten durfte.

Ich kann mich noch ganz deutlich erinnern, wie schön es war, als mein Vater uns nach einer Geschäftsreise in Dänemark mit 3 LEGO-Sets beschenkte. Meine ältere Schwester, die technisch veranlagt war, erhielt eine Eisenbahn, meine Zwillingsschwester die berühmte LEGO Familie und ich das Arbeitszimmer meiner Träume, das ich sofort zu einer Bibliothek umfunktionierte. Leider existiert über dieses Set kein Fotomaterial mehr – aber den kleinen LEGO Schreibtisch mit den roten Schubladen besaß ich noch gut 20 Jahre.

lego-family

Und schließlich noch ein kurzer Hinweis auf das Lieblingsweihnachtsbuch meiner Kindheit. Es war „Babar und der Weihnachtsmann“ von Jean de Brunhoff, mit einer exotischen Geschichte und zauberhaften Zeichnungen. Ich weiß gar nicht, wie oft ich dieses Buch gelesen habe. Und der aus heutiger Sicht etwas eigensinnige, grüne Anzug Babars bildete für mich meine Kindheit hindurch den Inbegriff mondäner Eleganz! Meine Schwester wiederum behauptet felsenfest, durch den Querschnitt der Behausung des Weihnachtsmannes die erste Inspiration zu ihrem Beruf, der Architektur erhalten zu haben.

babar

Für mich steht es also fest: LEGO und Babar jederzeit vor dem Gilbert Imperium – und eine fröhliche Bescherung!

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5 Gedanken zu “Christkind gone wild

  1. Das sind schon besondere und gleichwohl reale Erinnerungen an den weihnachtlichen Gabentisch. Bei der Nürnberger Spielwarenmesse („Toy fair“) gibt es vom 1. bis 6. Februar 2017 wieder die neuesten Spielsachen für Weihnachten 2017. So bin ich recht dankbar, dass ein kritisches Bündnis „Fair toys“ darauf achtet, welche Spielereien angeboten und wie sie produziert werden:
    https://www.nuernberg.de/internet/menschenrechte/fair_toys.html

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  2. Legoset ist gut 🙂
    Mein Sohn dreht schon seit 4 Wochen am Rad und nur unter Aufbietung aller finanziellen Kräfte ( Omas) gelang es uns den Kaufpreis aufzubringen…und ich musste den Firmenkombi in Beschlag nehmen denn mit dem Bus war das Set nicht transportabel…und jetzt steht es hier und einpacken hat gar kein Sinn, zuviel Restmüllgeschenkpapier hinterher…und ich kriege die Krise wenn das erst aufgebaut wird :
    muss ich mein Arbeitszimmer dafür räumen und wie saugt man dann um das Set herum ohne das die Hälfte davon im Müllbeutel landet…hoffe LEGO hat eine Hotline für besorgte ratlose Väter eingerichtet, auch über die Feiertage 🙂
    Lieber Gruss, Jürgen
    PS : Minecraft, das Dorf…..

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