Als sie ging

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Als sie ging, war es Sommer. Draußen das gleißende Licht, der Duft der Pfirsiche und das Poolgeplätscher der Kinder: alles, was daran erinnern konnte, dass es Leben gab, Freude und einen Morgen. Und drinnen die Dunkelheit und kühle Luft: ein Schattenreich, dem sie sich immer mehr anglich, ein Schatten ihrer Selbst.

Die Zeit verging langsam. Ich hielt ihre Hand und redete zu ihr, Tag für Tag, Stunde für Stunde. Sie ließ es geschehen. Ich redete und tat so, als könnte ich sie halten – doch wussten wir beide um die Vergeblichkeit der Geste. Sie war schon unterwegs zum anderen Ufer. Die schmale Brücke unserer Hände war kläglich, denn bewirken konnten sie nichts mehr.

Dann kam mein Vater und übernahm die Hand. Und blieb bei ihr über Nacht. Woche für Woche. Ließ sie nicht los, band sie fest mit seiner Liebe. Aber sie stahl sich davon, an einem Dienstagmorgen, als er kurz aus dem Zimmer musste. Das war meine Mama: sich selber treu, bis zum letzten Augenblick, konsequent und erfindungsreich, wenn es darum ging, sich durchzusetzen.

So war sie immer schon. Aus hartem Holz geschnitzt.

Als Kind fand ich das oft ermüdend und wünschte sie mir sanfter. Aber insgeheim bewunderte ich sie dafür. Wie sie sich nicht hinterfragte, Dinge kategorisierte und niemals Schwäche zeigte. So schien es mir damals. Später als ich lernte, hinter die Fassade zu blicken, begann ich sie anders zu lieben. So lehrte sie mich die Komplexität des Lebens.

Aber jetzt lag sie da, am Ende ihres Weges und bei all dem Schmerz, der aufstieg und immer intensiver wurde, war ich doch erleichtert, dass sie es schaffte, ihre Willenskraft zu bewahren: die Grundessenz ihres Wesens, verborgen in dem kleinen, schmalen Körper, zu dem sie die Krankheit schrumpfen ließ. Ein kleiner Sieg für sie, nach 2 Jahren voller Kämpfe.

Ich habe es noch in Erinnerung, wie es war, als sie mich 2 Jahre zuvor anrief und vom schönen Bergurlaub erzählte: von Wanderungen mit meinem Vater und dem Hund… und dann, als flüchtig hingeworfenen Abschluss einen Knoten erwähnte, den sie in ihrer Brust gefunden hatte. Ich stand im Garten und nein, der Himmel verdunkelte sich nicht und es stiegen keine Stürme auf – aber das andere Ufer oder zumindest dessen Möglichkeit wurde, wenn auch noch nicht sichtbar, aber doch vorstellbar am Horizont.

Dieses Bild gewann dann immer mehr Konturen: Man meinte, es sei bösartig, aber nein, nicht aggressiv und keine Chemo notwendig, eine Bestrahlung würde reichen. Und dann die Therapie und die Untersuchungen und immer wieder das Warten auf die Ergebnisse: 5 Tage, 10 Tage, 2 Wochen Hoffnung und Angst, Tod oder Leben. Dann wieder eine Stufe dunkler. Doch Chemo, aber nicht so schlimm. Dann Streuungen, dann die Leber und bei all dem die obligatorische Zuversicht, die Rücksicht auf ihre Lieben, die es ihr nicht erlaubte zu sagen: genug, lasst mich gehen, es hinter mich bringen.

Dann kam der Tag, als die Wörter ihr entglitten – wir versuchten sie einzufangen aber all unsere Liebe reichte nicht dafür. Wir konnten ihr nicht folgen, in jene Welt des Unaussprechlichen. Das war der Punkt, wo sie aufgab. Und wir verstanden, ohne Worte.

Irgendwann gaben auch die Ärzte auf. Abgemagert wie ein kleiner Vogel lag sie im Krankenhaus und hörte, dass die nächste Kur nicht mehr verabreicht werden würde. Am kommenden Tag sollte sie entlassen werden. Aber sie wollte nicht im Krankenhaus bleiben. Und so ergab es sich, dass mein Vater sie um 3 Uhr in der Früh abholen musste. Wie viel Kraft sie wohl dafür mobilisiert hatte? Da musste ich noch einmal schmunzeln: meine Mama, der Revoluzzer, der es bis zuletzt schaffte, einen Aufstand anzuzetteln.

Nun war sie also zu Hause und wir an ihrer Seite: meine Schwestern und mein Vater und die Kinder und der Sommer und sie bekam jeden Tag Besuch. Infusionen, ihre letzten wahren Freunde, die einzigen, die wirklich etwas für sie tun konnten. Sie waren Lebenskraft und Nahrung, Vergessen und Schutz – die verlässliche Rettung vor Angst und Schmerzen, sie, die so verkannten Opiate.

Sie lag im Bett und atmete. Wir hielten ihre Hand.

Gelegentlich begleiteten wir sie ins Badezimmer. Wie weit der sein kann, ein Weg von 7 Schritten.

Aufstehen, 3 Schritte zur Tür, 3 durch die Garderobe und der nächste zum Ziel. So etwa sieht es aus für einen Gesunden. 7 Schritte, in ca. 7 Sekunden. Aber für einen, an dessen Kräften seit Jahren Krankheit und Chemie zehren – eine gute halbe Stunde zu dritt, mit größter Kraftanstrengung und Erschöpfung. Unterwegs musste sie sich hinsetzen. Und schlief sogar ein.

Von da an hat sie nichts mehr getrunken. Sie bezwang die Natur in dieser einen letzten, für sie so wichtigen Schlacht, ließ sich nicht über ihre Grenzen stoßen – unbeugsam wie sie war.

Der Sommer ging. Es war nicht viel zu machen. Ich hielt ihre Hand und hoffte, dass es zählte. Draußen die Sonne und das Chaos meines Lebens, Bausteine kreuz und quer, kaum gezeichnet von der Hoffnung, irgendwann eine neue Ordnung zu ergeben. Drinnen sie, die mir noch dieses letzte Geschenk gab: eine Atempause von meinem Leben, eine Pause, in der ich für sie da sein durfte.

Ich saß da und nahm Abschied von ihr, dem Menschen, der mir das Leben schenkte und meine Schwestern und die Liebe zu Büchern und zur Musik. Der mir lehrte, egal was passiert, zumindest den Anspruch zu bewahren, es zu schaffen.

Und als September kam, lehrte sie mich, wie sehr der Tod Teil des Lebens ist. Sie fehlt mir sehr.

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15 Gedanken zu “Als sie ging

  1. Wie sehr sich das Gehen manchmal gleichen kann – ich habe hier etwas gefunden, das ich vor ein paar Jahren auch erleben musste, aber auch durfte. Nie war mir meine Mutter näher, als in dieser Zeit. Hab Dank für die Offenheit, Deinen Mut und Deine Ehrlichkeit. Du wirst jeden Tag an sie denken – mir geht es nach 6 Jahren immer noch so, aber ich denke anders an sie, als kurz danach. Denn die Menschen die wir lieben, begleiten uns immer, auch wenn sie gegangen sind. Wünsche viel Kraft.

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