17. Oktober – Throwbackmonday mit Anne Frank

Es ist der 17. Oktober 1943. Anne Franks Familie hält sich seit 15 Monaten im Hinterhaus an der Prinsengracht 263 in Amsterdam versteckt. Gemeinsam mit ihnen sind vier Bekannte untergetaucht. Das Zusammenleben der acht, charakterlich sehr unterschiedlichen Menschen auf engstem Raum, in ständiger Angst vor Entdeckung, ohne körperliche Betätigung und Abwechslung gestaltet sich sehr schwierig. Geld und Lebensmittel werden knapp, die ständig vorherrschenden Sorgen machen alle gereizt und nervös. Anne berichtet von den zermürbenden Konflikten. Ihre ehrlichen, emotionalen und gleichzeitig sehr reflektierten Tagebucheinträge zeugen nicht nur von großem Talent, sondern beweisen auch, dass sie ihre Aufzeichnungen zu dieser Zeit nicht mehr als privates Tagebuch, sondern als literarische Form begreift. Sie will Zeugnis für die Nachwelt ablegen.

17.10.1943

Liebe Kitty!

Kleiman ist wieder zurück, was für ein Glück! Er sieht noch ein bisschen blass aus, aber geht doch wohlgemut los, um für van Daan Kleidungsstücke zu verkaufen.

Es ist sehr unangenehm, dass das Geld der van Daans radikal zu Ende ist. Seine letzten hundert Gulden hat er im Lager verloren, was uns auch Schwierigkeiten gemacht hat. Wie können an einem Montagmorgen hundert Gulden ins Lager geraten sein? Alles Anlässe für Argwohn. Inzwischen sind die hundert Gulden gestohlen worden.

Wer ist der Dieb?

Aber ich sprach über Geldmangel. Frau van Daan will von ihrem Stoß Mäntel, Kleider und Schuhen nichts missen, der Anzug von Herrn van Daan lässt sich schwer verkaufen, und Peters Fahrrad ist von der Besichtigung zurück, niemand wollte es haben. Das Ende vom Lied ist nicht in Sicht. Frau van Daan wird wohl doch ihren Pelzmantel hergeben müssen. Ihr Standpunkt, dass die Firma für unseren Unterhalt aufkommen muss, stimmt wohl nicht. Oben haben sie deswegen wieder einen Mordskrach hinter sich und sind in die Versöhnungsphase mit „Ach, lieber Putti! und „Süßer Kerli“ eingetreten.

Mir ist ganz schwindlig von all den Schimpfworten, die im letzten Monat durch dieses ehrbare Haus geflogen sind. Vater geht mit zusammengepressten Lippen herum, und wenn jemand ihn anspricht, schaut er so erschrocken hoch, als hätte er Angst, wieder eine schwierige Aufgabe lösen zu müssen. Mutter hat vor Aufregung rote Flecken auf den Backen, Margot klagt über Kopfschmerzen, Dussel kann nicht schlafen, Frau van Daan jammert den ganzen Tag, und ich selbst bin ganz aus der Fassung. Ehrlich gesagt, ich vergesse ab und zu, mit wem wir Streit haben und mit wem die Versöhnung bereits stattgefunden hat.

Das Einzige, was mich ablenkt, ist Lernen, und das tue ich viel.

Deine Anne

10 Monate später werden die Bewohner der Prinsengracht 263 verraten und verhaftet. Sie werden mit dem letzten Transport aus dem Auffanglager Westerbork nach Auschwitz transportiert. Anne und ihre Schwester sterben Ende Februar in Bergen Belsen, zu dieser Zeit haben sie bereits ihre Mutter verloren. Annes Vater überlebt als Einziger der Hinterhaus-Gemeinschaft die Torturen.

Der letzte Tagebucheintrag von Anne stammt vom 1. August 1944. Auch hier hinterfragt sie sich noch kritisch und schreibt den für mich berührendsten Satz ihrer Aufzeichnungen:

…und suche dauernd nach einem Mittel, um so zu werden, wie ich gern sein würde und wie ich sein könnte, wenn… wenn keine anderen Menschen auf der Welt leben würden.

Aber keiner kann sie vor diesen anderen Menschen beschützen.

 

Quelle: Anne Frank Tagebuch, Fischer Verlag, 19. Auflage.

Nachtrag: „Kitty“ war keine von Anne Frank erfundene Person, sondern eine literarische Figur aus der damals sehr beliebten Mädchenbuchserie „Joop ter Heul“ von Cissy van Marxveld.

cissy

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