The ancients stole all our great ideas

Nach einigen Jahrtausenden Menschheitsgeschichte ist es nicht einfach, etwas WIRKLICH Neues auf die Beine zu stellen. Die meisten von uns kennen das Gefühl, nach langem Nachdenken und Tüfteln DIE Idee hervorzubringen, um nach einiger Zeit voller Stolz auf die Innovation erkennen zu müssen, dass sie eigentlich keine ist. Irgendein Typ in einer Toga, in einem Ritterpanzer oder einer Hippie-Hose hat sie schon einmal gedacht, geschrieben, gezeichnet, gebaut oder gesungen. So weit, so lustig oder frustrierend, je nachdem wie man es sehen will. Als kleinen Trost habe ich in diesem Blogbeitrag einige Begleiter des modernen Lebens zusammengetragen, von denen man nicht denken würde, dass sie auch auf Jahrhunderte alte Ahnen zurückblicken.

Wolkenkratzer

… gehören zu DEN Symbolen moderner Urbanität. Sie stehen für Entwicklung, Technik, Kunst und die Fähigkeit, in immer luftigere Höhen vordringen zu können. Die Skylines von Manhattan, Dubai oder Hongkong gehören zu den meistfotografierten Motiven weltweit.

Aber Moment! War da nicht einmal eine Stadt, deren Bewohner bereits im 12./13. Jahrhundert in ähnlichen Wohntürmen wohnten? In Bologna bauten die betuchteren Bürger mit Vorliebe hohe, schwer einnehmbare Domizile. Diese ragten bis 97 m hoch in die Luft!

bologna

Na gut, streng genommen qualifiziert man sich erst ab 149 m für den Namen „Wolkenkratzer“ – aber betrachtet man das Modell des mittelalterlichen Bologna (Bild oben, erstellt von Angelo Finelli in 1917), sind starke Ähnlichkeiten mit manch heutigen Ansichten (Dubai  und Hongkong unten) nicht zu leugnen.

dubai-hongkong

Im Laufe der Jahrhunderte wurden in Bologna leider zahlreiche mittelalterliche Wohntürme geschliffen, abgebaut und sogar noch im 20. Jh. gesprengt.  Einige haben jedoch den Jahrhunderten getrotzt und schmücken bis heute die Stadt. Unter ihnen die Türme Azzoguidi od. Altabella (61 m), Prendiparte oder Coronata (60 m), Garisenda (48 m) und Asinelli (97). Ein Besuch lohnt sich auf jeden Fall!

Wo ein Architekt, dort sind auch

Pantonefächer

… nicht weit. Aber auch im grafischen Gewerbe, in Druckereien, Marketingabteilungen und überall sonst, wo man Farben exakt bestimmen muss, gehören diese zum modernen Arbeitsalltag. Erfunden wurden sie übrigens in 1963.

pantonefacher Auch hier überrascht es aber nicht wenig, dass sie nicht ganz ohne Urahnen auf der Welt sind. Bereits 1692 gab es nämlich schon ein sehr ausführliches Buch der Wasserfarben, in dem der Holländer A. Boogert auf 800 handgeschriebenen Seiten eine genaue Anleitung für das Abmischen von mehreren Hundert Farbschattierungen zur Verfügung stellte. Das Buch mit dem Titel „Traité des couleurs servant à la peinture à l´eau“ hat er für Bildungszwecke verfasst. Es eignete sich jedoch nur bedingt für den Gebrauch in Kunstakademien, da naturgemäß nur ein Exemplar davon existierte. So verschwand es für Jahrhunderte aus dem Bewusstsein der Künstlerwelt. Es wurde jedoch im 20. Jahrhundert wiederentdeckt und wird heute in der Bibliothéque Méjanes in Aix-en Provence liebevoll aufbewahrt.

pantonebuch-boogert

Ähnlich dem „Traité des couleurs“ verschwanden zeitweise viele Bücher, viel Wissen und viele Fertigkeiten im Nebel der Geschichte. So zum Beispiel die

Trepanation oder die Kunst des Schädelöffnens

Hatte man im Mittelalter oder auch noch in der Neuzeit unerträgliche Kopfschmerzen, Schwellungen, Lähmungen, Visionen oder zeigte man sehr auffälliges Verhalten, sodass die Zeitgenossen davon ausgehen mussten, man beherberge Dämonen unter der Schädeldecke, so wurde immer wieder versucht, dem Kranken durch Öffnung derselben zu helfen. Nahm man einen Eingriff dieser Art vor, so war der Patient mit ziemlicher Sicherheit dem Tod geweiht. Die Trepanation sei „das sicherste Mittel, einen Kranken umzubringen“ – so die nicht gerade vertrauenserregende Einschätzung eines Arztes aus dem 19. Jahrhundert.

bild-trepanation

Halbwegs verlässliche chirurgische Eingriffe am Schädel konnten erst 1870, nach Einführung der Desinfizierung mittels Karbolsäure vorgenommen werden und galten als großartige Errungenschaft der modernen Medizin, auf die man mit Recht stolz sein konnte.

Umso erstaunter reagierte daher das Fachpublikum aber auch die Allgemeinheit, als der französische Arzt und Anthropologe Als Broca 1867 einen Inkaschädel mit Spuren von dem gefährlichen Eingriff präsentierte. Einen Schädel, der sogar eindeutige Zeichen eines Heilungsprozesses aufwies. Dies bewies, dass die Kunst der Trepanation bereits in der Steinzeit erfunden und mit den aus heutiger Sicht doch eher primitiven Werkzeugen so geschickt ausgeführt werden konnte, dass es nach dem Eingriff durchaus Überlebenschancen gab. Diese waren gar nicht so gering – spätere Forschungen ergaben, dass 7 von 10 Patienten der Steinzeitchirurgie die Operation zumindest einige Jahre überleben konnten. Grund dafür waren blutstillende Kräuter und antibiotisch wirkende Pflanzen, die die frühen Ärzte geschickt einzusetzen wussten. Ein weiterer Vorteil war, dass die OP-Werkzeuge für die wenigen Eingriffe vermutlich spontan angefertigt wurden, sodass sie etwas keimfreier gewesen sein dürften, als die Trepanierbohrer, die man im Mittelalter bzw. bis in das 19. Jahrhundert verwendete und zwischen den Eingriffen mit hoher Wahrscheinlichkeit kaum gereinigt hatte.

Somit gehört die Schädelchirurgie zu den Künsten, die die Menschheit schon sehr früh beherrschte, sie dann wieder verlernte bzw. Jahrhunderte hindurch nur mit zweifelhaftem Ausgang ausüben konnte, um sie in der Moderne  erneut „erfinden“ zu müssen.

Ähnlich erging es einer anderen Innovation, die in ihrer Bedeutung der Schädelchirurgie doch deutlich nachsteht. Es handelt sich um den

Bikini,

den Louis Réard 1946 in die Welt der Bademode einführte. Zweiteiler, wie z.B. die Palm-Beach-Combination gab es schon seit Anfang des 20. Jahrhunderts, bei Réard´s Modell überraschte jedoch die deutliche Flächenreduktion. Die wohl sehr knappe Bademode galt damals als dermaßen skandalös, dass man für ihre Präsentation eigens eine Nackttänzerin engagieren musste – es trauten sich keine Models, sich dermaßen freizügig zu zeigen.

Réard ließ den Bikini 1946 sogar patentieren – sein Glück, dass kein alter Römer oder Römerin auftauchen und seine Urheberschaft anfechten konnte – gab es doch auf zahlreichen Mosaiken aus dem 4. Jahrhundert Darstellungen, die Frauen in sehr ähnlichen, knappen Zweiteilern zeigten. Die Mosaiken sind übrigens bis heute in der Villa Romana del Casale zu besichtigen.

bikini-in-der-romerzeit

Ob es im 4. Jahrhundert als Skandal galt, dass sich Frauen so spärlich bekleidet zeigten, ist nicht überliefert – heute gehören Bikinis zur selbstverständlichen Ausstattung an fast allen Badeorten.

Das Beispiel der 4 kleinen Dreiecke zeigt deutlich, wie stark sich Moralvorstellungen, Ideen oder Wissen im Laufe der Geschichte ändern können.  Manches gilt als normal, alltäglich, verschwindet dann im Dickicht der Jahrhunderte, um später als Revolutionäres, Innovatives aufzutauchen, was wiedereingeführt und gezähmt, gesellschaftlich akzeptabel gemacht werden muss.

Genauso wie die meisten Ideen in der

Politik

… die oft in Vergessenheit geraten, dann aber gelegentlich wieder in Erscheinung treten. Unglücklicherweise sind dies oft schlechte Ideen, um genau zu sein, katastrophale Fehler. Zu diesen gehört der fatale Hang von so manchen, die Welt erobern zu wollen. Alexander der Große, Dschingis Khan, Napoleon und noch blutigere Diktatoren des 20. Jahrhunderts frönten alle dieser Zwangsvorstellung und bewiesen damit, dass man echt nicht alles wiederholen muss, was schon einmal da war.

andrea-schopf-balogh

Andere politische Muster wiederholen sich auch beständig: So das zur Zeit auffallend gehypte Motiv: alternder Geschäftsmann mit ausgeprägten sozio-autistischen Zügen und manch Pleiten hinter sich bildet sich ein, für höhere Ämter bestimmt zu sein – aus dem einfachen Grund, mehr oder weniger effizient Geld verdienen zu können. Leute bitte! Diese Idee könnt ihr gerne dem Vergessen anheim geben.

Zum versöhnlichen Ende jedoch noch ein Beispiel aus der Politik, wo auch „die Alten“ Pate standen für etwas Neues. Diesmal war aber das Aufgreifen der Idee kein Zufall, sondern sehr bewusst, mehr sogar, symbolisch. Betrachtet man das Gebäude des Europäischen Parlaments in Strasbourg, so kommt man nicht umhin, an den oft dargestellten „Turmbau zu Babel“ zu denken.

turmbau-zu-babel

Man erinnert sich an die Geschichte, wie Gott, aus Zorn, da die Menschen ihm mit Hilfe ihres Turmes zu nahe kommen wollten, ihre Sprachen durcheinanderwirbelte, sodass eine Verständigung unter ihnen fortan nicht mehr möglich war. Es ist ein schöner Gedanke, mit diesem Gebäude zeigen zu wollen, dass man es trotz Jahrhunderte voller Kriege und Auseinandersetzungen immer noch anstrebt und sogar für möglich hält, eine Verständigung unter Europäern wieder herzustellen und den unterbrochenen Turmbau zu beenden.

Ja, so frustrierend es manchmal ist, die „Alten stahlen wirklich all unsere großartigen Ideen“, aber wir als Nachgeborene haben wenigstens die Möglichkeit, aus der fast unerschöpflichen Auswahl zumindest nur die besseren zu übernehmen.

Nachtrag:

Im Sinne von „Nomen est omen“ wurde auch der Titel dieses Beitrages jemandem entliehen. Mark Twain beklagte sich in seiner Autobiographie „The ancients stole all our ideas from us“. 2012 gab es im KHM eine Ausstellung mit einem ähnlichem Titel – bei dieser ging es jedoch nicht so sehr um das zyklische Wiederauftauchen von Ideen, sondern um die Darstellung von Exponaten in einem neuen Kontext.

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4 Gedanken zu “The ancients stole all our great ideas

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