Die ewige Baustelle

Wenn man auf New Yorks Straßen unterwegs ist, hat man auf jeden Fall einen treuen Begleiter: den Baulärm.

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Es ist unglaublich, an wie vielen Stellen man gleichzeitig bauen kann – und dass man überhaupt noch Flächen findet, die für das Hochziehen weiterer Wolkenkratzer geeignet sind. Diese schießen wie Pilze aus dem Boden. Und das schon seit über 100 Jahren! Sieht man sich im Wald der bis zu 400 m hohen Gebäuden um, ist es kaum vorstellbar, dass die Freiheitsstatue, die seit 1886 die Liberty Island ziert, bei ihrer Errichtung mit ihren 46 m das höchste Bauwerk New Yorks war.

Dabei muss im Big Apple die Ambition, der höchste Bau zu sein, eine sehr frustrierende sein, denn länger als ein Jahrzehnt schaffen es die wenigsten Gebäude, den Titel zu verteidigen. Gott sei Dank haben aber die prominenten Bauten oft mehr zu bieten.

So zum Beispiel das berühmte RCA-Building im Rockefeller Center, bei dessen Errichtung D. Rockefeller Jr. dem Vernehmen nach sein Wissen um die 2 wichtigsten Wörter einer gelungenen Ehe vollendet einsetzte. „Yes Darling“ –  lautete jedes Mal seine Antwort, als Mrs. Rockefeller – ob von gemeinnützigen oder selbstdarstellerischen Motiven geleitet – auf künstlerisch hochwertige Details bestand. Als reichster Bürger der Vereinigten Staaten konnte sich Rockefeller die zahlreichen Fresken, Skulpturen und Reliefs auch inmitten der tiefsten Rezession leisten. Und so gehört das 250 m hohe RCA-Building, das heute mit seiner Höhe nicht mehr punkten könnte, dank den wunderschönen Art déco Details, immer noch zu den meistbesuchten Bürogebäuden.

Dabei wurde es schon während seines Baus berühmt. Denn wer kennt nicht die meist abgebildete aller Baustellen-Aufnahmen, „Lunchtime atop a skyscraper“ aus 1932? Die Nonchalance, mit der hier Bauarbeiter ihre (natürliche oder doch etwas gestellte) Pause ungesichert in mehreren Hundert Meter Höhe genießen, fasziniert bis heute Groß und Klein. Dabei gibt es ein kleines Detail, das nicht immer genügend gewürdigt wird. Während die meisten friedlich vor sich hinrauchen, ihren Lunch genießen, frönt der Bauarbeiter ganz rechts dem Vergnügen des Brown Bagging – und in seinem Papiersackerl befindet sich mit Sicherheit keine Mineralwasserflasche!

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Apropos Sicherheit: trotz offensichtlicher Leichtsinnigkeit, was die NICHT-Verwendung der damals schon vorhandenen aber recht umständlichen Sicherheitsgurte betraf, gab es beim Bau des Rockefeller Center kaum Todesfälle. Je nach Quelle werden 1-3 tödliche Unfälle angeführt.

Bei der Errichtung des Chrysler Buildings gab es auch überraschend wenig (laut einigen Quellen sogar gar keine) Tote. Sonst stand aber diese beeindruckende, in Stahl gegossene Hymne ans Automobil nicht gerade unter einem glücklichen Stern. Die Bauarbeiten verzögerten sich, sodass der Konkurrent, die Bank of Manhattan schon als höchstes Gebäude der Welt gefeiert wurde – da zauberte aber der Chrysler-Architekt William Van Alen noch ein Ass aus seinem Ärmel: eine 56 m hohe, an Kühlergrill-Lamellen erinnernde Edelstahlkrone, mit derer Hilfe der ersehnte Rekord ergattert werden konnte.

Wenn man sich jetzt fragt, ob es nicht unfair ist, den begehrten Titel  mit Krönchen, Spitzen, Antennen und sonstigen, in diesem Zusammenhang eher fragwürdigen Elementen zu gewinnen, gibt es eine relativ einfache Antwort. Ein Gebäude wird im Prinzip als ein Bauwerk zu Wohnzwecken bzw. geschäftlicher Nutzung definiert. Will man also das größte Gebäude errichten, so kann man nicht mogeln: es wird die Höhe bis zum höchsten nutzbaren Stockwerk gemessen. Als Trostpreis kann man jedoch den Titel „höchster Bau“ ergattern: in diesem Fall wird die Höhe bis zur Konstruktionsspitze oder zur Gebäudespitze  inkl. Antenne oder anderer Aufbauten herangezogen.

Wie auch immer. Chryslers Triumph währte nur kurz, denn prompt wurde das ebenfalls im Bau befindliche Empire State Building um 10 Stockwerke auf insgesamt 102 aufgestockt und überragte somit das Chrysler Building, und zwar nicht nur als Bauwerk, sondern auch als Gebäude.

Das Chrysler Building verlor somit sehr schnell seine Spitzenstellung und brachte auch seinem Architekten wenig Glück: so einfallsreich und schön sein Werk auch gewesen sein mag, Chrysler erhob Bestechungsvorwürfe gegen ihn, verweigerte ihm sein Honorar und sein Ruf litt dermaßen, dass seine Karriere als Architekt beendet war.

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Aber auch die 10 zusätzlichen Stockwerke des konkurrierenden Empire State Buildings waren nur bedingt ein Glücksgriff. Zwar behielt der Wolkenkratzer bis 1972 den Titel des höchsten Gebäudes der Erde, die 30er Jahre waren aber nicht gerade ideal, um 102 Stockwerke, voller Büro- und Wohnflächen zu vermieten. So erhielt das Gebäude, in dem 30.000 Menschen arbeiten und wohnen konnten, für Jahrzehnte den volkstümlichen Namen „Empty State Building“. Schade um die gut 100 km Wasserleitungen und 5630 km Telefonkabel, die im Komplex verlegt wurden.

Empire State Building.JPG

Aber keine Flaute währt ewig und so bat der Wolkenkratzer in den 50er Jahren nicht nur King Kong Zuflucht, sondern wurde auch zunehmend besser gebucht. Heute gehört es zu den bekanntesten Gebäuden weltweit und beherbergt auch den jährlich stattfindenden Empire State Run Up, bei dem 1860 Stufen zurückgelegt werden müssen. Ein kleiner Anhaltspunkt für alle, die mitmachen möchten: Die Besten schaffen es in 11 Minuten! Das sind 2,8 Stufen pro Sekunde…

Wer sich übrigens fragt, warum die frühen Wolkenkratzer alle in „Hochzeitstortenstil“ gebaut wurden: 1916 wurden die „Zoning Laws“ erlassen, Bauvorschriften, die besagten, dass Hochhäuser sich nach oben verjüngen müssen, um nicht ganzen Straßenblocks das Sonnenlicht zu nehmen. 1961 wurden die Zoning Laws revidiert – die neue Vorgabe war, dass Bauherren einen Teil der Grundfläche für eine öffentlich nutzbare „Plaza“ freihalten müssen. So konnte man seit den 60-er Jahren mit glatten, geraden Oberflächen in die Höhe bauen. Ein neuer Boom begann.

Heute stehen rund 6.000 Hochhäuser in New York – weitere 400 befinden sich in Planung bzw. in der Bauphase. Als größter Wolkenkratzer gilt das neu erbaute One World Trade Center mit 541,3 m. Und wo die Reise hingeht? Basierend auf dem Stand der Technik wären sogar 1,5 bis 2 km hohe Bauwerke konstruierbar – diese machten allerdings wenig Sinn, da sie zum größten Teil nur mehr ihr eigenes Gewicht tragen könnten, sodass sie für Wohn- oder kommerzielle Zwecke kaum nutzbar wären. Immer neue Materialien werden jedoch diese Grenzen mit Sicherheit erweitern.

Auf die Fortsetzung darf man jedenfalls gespannt sein.

 andrea-schopf-balogh

 

Fotos:

© Charles C. Ebbels / Lunch atop a skycraper. 1932

© Lewis Hine / Empire State Building construction, 1930

© Daniel Ahmad / Empire State Building history

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2 Gedanken zu “Die ewige Baustelle

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