Ein ganzes halbes Jahr

… werde ich brauchen, bis ich diesen Film verdaut habe. Eine bitterböse Filmkritik.

 Inhaltsangabe: Louisa Clark (Emilia Clarke) und Will Traynor (Sam Claflin) könnten kaum unterschiedlicher sein. Sie ist ein einfaches Mädchen aus der Kleinstadt, das in einem kleinen Cafe arbeitet und mit ihrem einfachen Leben eigentlich ganz zufrieden ist, bis sie ihren Job verliert. Vor seinem Unfall hatte Will alles, er war jung, erfolgreich und ein Draufgänger wie er im Bilderbuch steht. Jetzt, wo er an den Rollstuhl gefesselt ist, ist er depressiv und launisch. Will hält sein Leben nicht mehr für lebenswert, bis Lou in sein Leben tritt, um sechs Monate seine Pflegerin zu sein. Und die kennt von Anfang an keine falsche Zurückhaltung. Nach ersten Anlaufschwierigkeiten raufen sich die beiden zusammen und Lou merkt, dass Wills Glück ihr immer wichtiger wird – und ist alarmiert, als ihr klar wird, warum sie für nur sechs Monate eingestellt wurde…  Inhaltsangabe © HDfilme.tv

Die Fast Volljährige möchte ins Kino, „Ein ganzes halbes Jahr“ anschauen – gefühlvoll und empathisch wie sie ist, ist es für sie der ideale Film, um über große, tragische Themen des Lebens nachzudenken (glauben wir zumindest zu diesem Zeitpunkt noch).

Der Film erscheint interessant – Liebe und Fürsorge im Schatten von Querschnittlähmung und Sterbehilfe sind tatsächlich Themen, die man sehr differenziert und einfühlsam in Szene setzen und somit wichtige (auch gesellschaftlich relevante) Diskussionen anstoßen könnte.

Leider entscheidet sich die Regisseurin Thea Sharrock aber für einen gänzlich anderen Zugang: vorgesetzt wird ein auf Hochglanz poliertes, aber vollkommen liebloses Machwerk, das Zitate aus unterschiedlichsten Filmen der letzten paar Jahrzehnte zusammenstückelt. Die recht überforderte Protagonistin präsentiert dies mit maßlos übertriebener Mimik, die ihre Augenbrauen fast aus ihrem ansonsten sehr hübschen Gesicht hüpfen lässt. Schade eigentlich. Ich werde das Gefühl nicht los, dass sie es mit behutsamer Führung viel besser könnte. Liegt der mimische Überschuss vielleicht daran, dass dies der erste Film der ansonsten eher im Theater tätigen Thea Sharrocks ist? Dies könnte zumindest eine Erklärung sein.

Dabei beginnt die Geschichte gleich mit einer netten Szene, in der die junge Louisa witzig und charmant ihre betagten Kaffeehausgäste bedient. Leider endet die Unbeschwertheit nach ca. 2 Minuten. Nach Dienstschluss verkündet ihr der Kaffeehausbesitzer das plötzliche Job-Aus – indem er ihr ein braunes Geldsackerl in die Hand drückt und ein gschamiges „es tut mir leid“ daherstammelt. Sie ist schockiert.

Ich auch. Sollen wir glauben, dass die Leute so gar nicht miteinander reden?  Dass nach 6 Jahren Arbeitsverhältnis eine Kündigung dermaßen pantomimisch daherkommen muss? Dass nicht einmal ein paar Sätze der Erklärung, des Trostes geliefert werden? Und warum ist Louisa überrascht? Hat sie etwa nicht mitbekommen, dass es Probleme gab? Und wenn das Café für immer schließt, warum wurden die restlichen Donuts nicht abverkauft oder zumindest verschenkt? Fragen über Fragen, die aber so einiges über die zu erwartende dramaturgische Qualität verraten.

Louisa geht. Zu Hause angekommen tänzelt ihre ganze Familie in einer heillos überfüllten Küche um den Esstisch herum. Wir erfahren, dass

  • es in diesem Städtchen wahrscheinlich keine baulichen Vorgaben für die Mindestgröße einer Küche gibt
  • Lousia eine Schwester mit einem Kleinkind hat
  • der Vater, selbst arbeitslos, relativ wenig Empathie besitzt
  • und die Familie natürlich auf Lou´s Einkommen angewiesen ist.

Ein wahrlich originelles Setup!

Louisa begibt sich auf Arbeitssuche:  Der sympathische Typ von der Arbeitsvermittlung präsentiert eine lange Liste ihrer aus verschiedenen Gründen abgebrochenen Tätigkeiten. Sie versichert ihm, dass sie alles, wirklich alles tun würde, um einen Job zu bekommen. Na ja, definiere „alles“ Louisa. Die Liste der Ausnahmen war ja ziemlich imposant.

Wie auch immer. Urplötzlich zeigt der Computer eine neue Möglichkeit an. Eine Gesellschafterin wird gesucht für einen jungen Mann mit Behinderung – keine Vorkenntnisse erforderlich. Wenn das nicht der ersehnte Job ist?

Am nächsten Tag betritt Louisa das Schloss des Arbeitgebers. Oh, der Patient ist also stinkreich, was für ein… Déjà-vu aus Ziemlich beste Freunde. Es folgt ein kurzes, peinliches, von billigen Möchtegernpointen begleitetes Einstellungsgespräch, in dem sich das Mädchen mit kleidungstechnischen Pannen, Hilflosigkeit, und mangelnden verbalen Fähigkeiten offenbar für den Job qualifiziert. Sie bekommt eine Zusage. Denn welche Mutter möchte ihren bewegungsunfähigen Sohn nicht in die Obhut einer dermaßen perfekt geeigneten jungen Frau geben?

Jene Mutter offensichtlich, die die Stallungen für besagten Sohn in denkbar steriler und freudloser Art umbauen ließ. Dass er hier vollends der Depression anheimfällt, wundert mich nicht.

Aber egal, nun ist die Retterin, Louisa da und sie wird in einem fünfminütigen Gespräch in ihre Pflichten eingewiesen – dass es dabei mehr um die Bedienung der Kaffeemaschine als um die Bedürfnisse des an den Rollstuhl Gefesselten geht, erwähne ich nur nebenbei, denn natürlich gibt es einen Arzt, der oft, aber eben nicht immer da ist. Warum sollte man die Gesellschafterin auch vorbereiten, was in Notfällen zu tun wäre? Es gibt ja schließlich noch die dicken Manuals, in denen sie nachschlagen kann. Oh Gott, wie lange dauert dieser Film noch.

Es kommt, wie es kommen soll. Dem jungen Mann, Will fehlt es an Lebensfreude (das verstehe ich sogar), er will keine Hilfe annehmen und peinigt Louisa mit seinem kalten, zynischen Wesen. Diese möchte den Job aufgeben, erfährt aber – dank einer geistreichen narrativen Wende – dass ihre Schwester die Möglichkeit hätte, wieder zu studieren, vorausgesetzt Louisa kann weiterhin zu den Familienfinanzen beitragen.

So muss sie im eiskalten grauen Schloss bleiben, kommt aber – Überraschung! – mit ihrem sonnigen Wesen Tag für Tag dem mürrischen jungen Mann näher. Dabei lernen wir ihre exzentrische Garderobe kennen, die witzig, etwas billig, aber dermaßen ausladend ist, dass ich einfach nicht verstehe, wie sie in ihrem Elternhaus, in dem die Küche kaum Platz für eine gemeinsame Mahlzeit bietet, untergebracht werden konnte. Aber vielleicht ist das die Erklärung für die mangelnde Größe der Küche: diese ist so klein wegen des Platzbedarfes im modischen Bereich? Die Schuhe hängen ja an der Wand. Irgendwann erfahren wir auch, dass sie mal Mode studieren wollte. Aha. Merken wir uns für später.

Inzwischen kommen Exfreundin und Ex—bester-Freund des tragischen Helden zu Besuch. Sicher wollen sie heiraten, flüstere ich der Fast Volljährigen ins Ohr, und dies wird nach ca. 90 Sekunden Herumgestammele auch mitgeteilt. Als der Rollstuhlfahrer seine Enttäuschung kundtut, wird dies seitens des Ex-besten-Freundes mit einem knappen „Komm wir gehen“ Richtung seiner Neo-Verlobten quittiert – das Drehbuch hält wohl echt nicht viel von ausufernder Konfliktbewältigung. Immerhin erzählt die Exfreundin Louisa, sie wollte nach dem tragischen Unfall für Will da sein – dieser hatte es aber nicht zugelassen. Na eben, geht doch! Aber warum kann sie dies nicht direkt mit Will besprechen? Wieder eine vergebene Chance für etwas Tiefgang.

pic_234823_320890Irgendwann lernen wir den Freund Louisas kennen. Einen etwas einfachen, aber sehr sportlichen Jungunternehmer namens Patrick, der gemäß dem Grundkonzept des Filmes „bloß keine Nuancen“ eben nicht nur halbtrottelig ist, sondern ein richtiger Volltrottel, zumindest was Beziehungen betrifft.

Dies wird beim Geburtstagsessen Louisas, bei dem Will auch zugegen ist, so richtig dick zelebriert: sie erhält von Patrick eine Kette mit dessen Namenszug.  Eine gute Gelegenheit für Will, zu glänzen: er versteckt für sie hinter seinem Rollstuhl, als schönstes Geschenk des Abends, die schwarz-gelb gestreiften Strumpfhosen ihrer Träume. (Hier will ich nicht gefühllos erscheinen, aber fragt mich bitte nicht, wie er es geschafft hat, das Säckchen mit den Strümpfen hinter seinen Rollstuhl zu legen. Er kann ja seine Hände nicht bewegen.) Egal. Louisa ist überglücklich, Patrick klarerweise sauer.

Was noch beim Geburtstagsessen passiert? Will erzählt freizügig, er war in seiner gesunden Zeit federführend, als der Betrieb, für den Louisas Vater gearbeitet hatte, zerschlagen wurde. Und wenn´s so war – warum um Gottes Willen muss er damit prahlen? Ach ja, wohl, damit wir auf unserer Bullshit-Bingo-Filmzitatenliste auch Pretty Woman durchstreichen können.

Aber zurück zu Luisa und ihrem Patrick. Ich möchte diesen peinlichen Handlungsstrang nicht länger kommentieren. Es kommt, wie es kommen muss: Patrick spürt, dass er sie an Will verliert und versucht sie noch mit einem 300 kcal-Salat umzustimmen. Ein Plan, der nicht aufgeht. Die après-Salat Trennungsszene bleibt mir bloß wegen einer Frage in Erinnerung: hat er etwa den Küchentisch umgestellt? Im Übrigen kommt auch hier die konzeptionell streng durchgezogene spartanische Kommunikationsführung zum Vorschein. Er lamentiert ca. 2 Minuten, sie sagt „Es tut mir leid, ich kann nicht anders“ (oder so ähnlich) und geht. Na wenigstens haben wir es auch hinter uns.

Höchste Zeit, denn Lou und Will kommen sich dank diverser Freizeitaktivitäten und Dialoge, die fast schon den Namen „Gespräch“ verdienen, immer näher. Sie lernt auch sein tragisches Geheimnis (den geplanten Freitod) kennen und ist fest entschlossen, ihn durch die Kraft ihrer Liebe davor zu bewahren.

Gemeinsam besuchen sie ein Konzert, bei dem Lou

  • in einem hübschen roten Kleid erscheint
  • selbiges mit einer unverständlich unattraktiven Fußstellung präsentiert
  • Will im Konzertsaal ein störendes kleines Plastikteilchen aus seinem Hemd mit ihrem Mund entfernt (ja, wir verstehen, das Bildungsbürgertum ist entrüstet, haha)
  • Tränen beim Musikgenuss in den Augen hat und
  • nach dem Konzert behauptet, während des Oboensolos bloß „etwas im Auge gehabt zu haben“

Wer hier nicht wieder an Pretty Woman denkt… war in den 90ern wohl noch nicht auf der Welt.

Will wiederum möchte nach dem Konzert „einfach nur ein Mann sein, der mit einem Mädchen in rotem Kleid in einem Konzert war“. Das kann ich verstehen. Trotzdem hört sich der Satz wie ein Echo aus vergangenen Zeiten an. Aus vielen vergangenen Zeiten.

Lass uns also bitte weitermachen. Will bittet Louisa, ihn zur dürftig inszenierten Hochzeit seiner abtrünnigen Freunde zu begleiten. Bei diesem Fest bricht – nicht zuletzt dank einer undefinierten Menge Cocktails –  das Eis zwischen unseren beiden Protagonisten. Die Nacht wird in einem Hotel verbracht. Mama freut sich.

Die Hochzeit kommt übrigens in bester 4 Hochzeiten und ein Todesfall Ästhetik daher, inkl. trinkfreudiger älterer Dame mit losem Mundwerk. Das einzige Überraschungsmoment besteht darin, dass Hugh Grant keinen Gastauftritt absolviert.

Zu viel Freude wird Will jedoch nicht gegönnt – er wird mit Lungenentzündung ins Krankenhaus eingeliefert.

Trotzdem plant Louisa den entscheidenden Befreiungsschlag: eine luxuriöse Reise, um ihrem Angebeteten zu zeigen, wie schön das Leben noch sein kann. Sie werden von Wills persönlichem Arzt begleitet, von diesem aber unverständlicherweise, urlaubsromanzen-bedingt immer wieder allein gelassen. Ich warte auf eine dramatische Wende, in der Will, von so viel Glück und Aufregung geschwächt, von seinem Körper in Stich gelassen nach Luft ringt. Aber dieses tragische Potenzial wird nicht ausgeschöpft. Stattdessen eröffnet er Lou, an seinem Plan festhalten und in der Schweiz seinen Freitod ausführen zu wollen. Lou ist am Boden zerstört, traurig, wütend und läuft – dramaturgisch vollkommen konsequent – weg, mit dem kurzen Hinweis „ich kann nicht mehr“ – oder so ähnlich.

Der Nach-Hause-Flug im Privatjet ist entsprechend wortkarg und nun folgt die für mich fast einzige glaubhaft dargestellt Szene: die Eltern empfangen die kleine Reisegesellschaft am Flughafen, hoffnungsfroh und glücklich, werden aber bitter enttäuscht.

Louisa fährt heim und wird von ihrem Vater, der bis dahin nicht viel an Empathie erkennen ließ, plötzlich gefühlvoll getröstet, aufgebaut und motiviert, Will auf seinem letzten Weg beizustehen.

So fährt sie in die Schweiz, entsteigt einem Taxi, (ohne zu zahlen, auch schon oft gesehen) und betritt die Unterbringung ihres Liebsten unter Darbietung einer dummen Slapstickeinlage. (Wir verstehen, typisch Louisa, wie tollpatschig, die Spannung muss ein wenig aufgelockert werden, haha.)  Sie findet Will in einem Zimmer wieder, das an unpersönlicher Kälte in Nichts seinen Stallungen nachsteht. Hier möchte er also sterben. Immerhin scheint die Aussicht schön zu sein.

Bald ist es soweit und der Tod wird Gott sei Dank einigermaßen einfühlsam und nicht zu kitschig dargestellt, sodass der tragische Augenblick nachvollzogen werden kann.

MBY203_052.tifAber der Film ist noch nicht geschafft, denn jetzt sitzt sie – quelle surprise! –  in Paris, wohin sie durch seine posthumen Briefe gelotst wurde. Muss es denn wirklich sein, auch noch P.S. Ich liebe Dich?

Sie liest seinen letzten Brief, in dem er ihr Geld für ein Modestudium hinterlässt. Aber wenigstens trägt sie die schwarz-gelb gestreiften Strumpfhosen und die Fast Volljährige lacht ein wenig und muss nicht so sehr weinen, wie sie es vor dem Kinobesuch, anhand der Inhaltsangabe, befürchtet hatte. Ich bin erleichtert, denn das Einzige, was in meiner Handtasche einem Taschentuch ähnlich kommt, ein 20 EUR Geldschein ist, welchen ich ungern den klischeehaften Abenteuern von Lou und Will zum Opfer bringen würde.

 Fotos: © New Line Cinema / Warner Bros.

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