Wer im Glashaus sitzt

Eine unkritische Restaurantkritik

Die Bessere Hälfte hat Geburtstag – das muss natürlich gefeiert werden.  Die Wahl fällt auf das Clementine im Glashaus:  freundlich, hübsch und beschaulich – der perfekte Ort, um sein Dasein zu würdigen.

Die Reservierung per Internet ist einfach und unproblematisch, die Bestätigung mit allen Details trifft bald ein, sodass Frau beruhigt sein kann, keine organisatorischen Hoppalas begangen zu haben.

„Es ist verdammt hart, eine Prinzessin zu sein“ – steht auf der Website des Restaurants unter dem Bildnis der französischen Coburg-Prinzessin Clementine, erste Bewohnerin des Innenstadt-Palais und Namensgeberin für das Lokal. Ein prophetischer Spruch, der sich wenig später bewahrheiten soll.

Dank dem traditionellen Wiener Baustellensommer bleibt nämlich vor dem Essen für das Schminken keine Zeit mehr – die fehlende visagistische Perfektion wird durch ein hübsches Prinzessinnenkleid ausgeglichen.  Dieses schmeichelt zwar der Figur, ist aber in der Magengegend so eng, dass eine besondere Atemtechnik eingesetzt werden muss: eine äußerst flache. Husten nach Möglichkeit vermeiden. Essen: noch keine Erfahrungswerte.

Das Clementine befindet sich im Palais Coburg im 1. Bezirk. Das Innenstadtpalais wurde Mitte des 19. Jahrhunderts auf der Braunbastei, einem Rest der abgerissenen Basteien Wiens, errichtet. Es ist ein eigenartiges Gebäude: mit einem spätklassizistischen Straßentrakt an der Seilerstätte, welcher als bürgerliches Zinshaus gestaltet (und verwendet) wurde – und der bombastischen 21-achsigen Gartenfassade Richtung Ring.

Diese Schauseite wird von einer zweigeschossigen Säulenordnung dominiert. Ionische und korinthische Säulen, wo man nur hinschaut. Nun ich weiß, man sollte diese im Kontext des Neoklassizismus betrachten, aber irgendwie kann ich mich mit ihnen nicht so richtig anfreunden. Sie erinnern mich an die modischen Verirrungen der 80er Jahre auf vergilbten Klassenfotos. Sieht man diese, so versteht man, dass sie damals „in“ waren, muss aber trotzdem lachen.

Und ohne die wahre Harmonie und Zurückhaltung des griechischen Vorbildes wirken auch die historisierenden Säulen des Palais Coburg wie überholte modische Zitate auf mich: Die Dauerwelle des Neoklassizismus sozusagen.

Übrigens dürfte sie auch das gemeine Volk im 19. Jahrhundert nicht wirklich gewürdigt haben: So wurde dem Palais der volkstümliche Name „Spargelburg“ verpasst.

Aber von all dem Übermaß an Prunk und Pracht bekommt man im Innenhof des Glashauses wenig mit. Hier ist es angenehm entspannt und hübsch begrünt mit Platanenbäumen, die zwar noch relativ klein sind, es aber trotzdem schaffen, die brütende Hitze zu zähmen.

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Das Personal ist zum größten Teil jung, unerfahren, etwas unsicher und unglaublich freundlich.

Wir werden nett begrüßt, an unseren Tisch geführt und mit Bellinis versorgt. Die Fast Volljährige kokettiert auch mit einem Aperitif, entscheidet sich aber doch für einen gärungstechnisch weniger herausfordernden Birnensaft.

Die Speisekarte ist klein aber sehr gut sortiert – schnell werden wir fündig.

Einen Gruß aus der Küche gibt es zwar nicht, dafür aber Riesenscheiben warmen Brotes und geschlagene Butter, die unsere junge Kellnerin etwas unsicher am Rand des Tisches platziert. Die Gläser schaffen es auch nicht alle an die richtige Position, aber es macht wirklich nichts aus, denn sie ist sehr charmant. Etwas Kopfzerbrechen bereitet ihr die Frage, ob sie die Fast Volljährige duzen oder siezen soll, aber nachdem sie beide im ähnlichen Alter und gleich nett sind, gibt es keine Verständigungsprobleme.

Als Vorspeise bekommen wir einen Büffelmozzarella mit Löwenzahn, Radieschen und Rhabarber bzw. gelbe Rübe Suppe mit Ingwer, Basilikum und Crème Fraîche.  Der Mozzarella ist fast ein wenig zu weich und die Suppe einen Hauch zu sauer geraten, aber das schreibe ich jetzt nur, um dem Gattungsnamen „Restaurantkritik“ gerecht zu werden, denn wirklich meckern kann man eigentlich nicht.

Danach bestellen die Frauen Gnocchi mit Eierschwammerln, Tomaten und Grana Padano – all dies mit Estragon abgeschmeckt, was mir wahrscheinlich nie in den Sinn kommen würde, aber vorzüglich ist.

Das Geburtstagskind erhält eine Lammkrone mit Melanzani, Fisolen und Couscous. Das Fleisch ist so weich, dass es schon beim Anschneiden fast vom Knochen fällt. Hier muss ich einstreuen, dass die Leitung des Clementine bei dessen Eröffnung im März 2014 dezidiert mitteilte, keine Haube anzustreben – dieses Ziel aber grandios verfehlte – wen wundert´s bei dieser Qualität?

Zu diesem Zeitpunkt sind wir alle schon ziemlich satt und so entsteht eine hitzige Debatte, wer und in welchem Ausmaß eine Nachspeise bestellen soll. Da ich meinen Mann kenne, der bei der Nachspeisenbestellung immer mit tollkühner Maßlosigkeit hervorsticht, um das Bestellte dann mit schamlosen Argumenten (Ehepartner müssten einander beistehen, Teamgeist etc.) mir zuschanzen zu wollen, halte ich mich zurück.

So bestellt er einen Topfenknödel mit Mandeln und Sauermilch und die Fast Volljährige eine Schokobanane mit Haselnüssen.

Unsere junge Kellnerin verfolgt die Diskussion mit, fragt zur Sicherheit noch einmal nach, ob ich nicht doch noch etwas bestellen möchte und kredenzt anschließend wahre Traumkreationen. Diese sind so gut, dass ich mich zur Teamarbeit bekehren lasse – aber so reichhaltig, dass wir uns nachher wie Protagonisten in Bruegel´s Schlaraffenland fühlen.

Jetzt wird noch nett geplaudert und etwas Wein getrunken – der Abend ist schön.

Als wir dann zahlen möchten, erscheint unsere junge, unschuldige Kellnerin mit einem riesigen Geburtstagsbrownie samt Eis, Schlag und Wunderkerze – die Geschäftsleitung habe mitbekommen, dass es sich um ein Geburtstagsessen handle und möchte auch gratulieren. Nicely played!

Sie hat das ganze Hin- und Her wegen wer noch was verdrücken könnte mitangehört, nicht einmal mit den Wimpern gezuckt – und jetzt kommt sie mit dem Monsterbrownie! Jetzt, wo alle wirklich nicht mehr können. Der Brownie wird kurz verkostet und für so gut befunden, dass es ein Frevel gegen die Natur wäre, ihn stehen zu lassen – wir wollen uns ja kein mieses Karma einhandeln. Vielleicht mitnehmen? Nachdem wir keine Tupperdosen und nicht einmal die Schmalspurversion Jausensackerl mithaben, wird noch schnell der Plan diskutiert, den Brownie in eine Serviette zu hüllen und so einzustecken – aber die Servietten sehen zu hochwertig aus, um ihre Mitnahme nicht ebenfalls als karmareduzierend einzustufen. Es bleibt uns daher nichts Anderes übrig: die Geburtstagsgabe muss vertilgt werden. Teamwork ist angesagt – das stärkere Geschlecht schwächelt ein wenig, aber die Frauen gleichen aus – Highfive auf das gelungene Geburtstagsessen!

Der Sättigungsgrad ist überwältigend, daher wird beschlossen, einen Verdauungsspaziergang einzulegen. Die Gegend ist angenehm, vom kleinen situationsbedingten Störfaktor „Lokaldichte“ abgesehen. Da Essensgerüche so ungefähr das Letzte sind, was wir in diesem Augenblick brauchen können, wird die Straßenseite entsprechend oft gewechselt.

Die Fast Volljährige übt das Gehen in hohen Schuhen – ihr Vater gibt ihr verstörend fachmännische Tipps.

Beide keuchen und stellen Berechnungen an, wie lange es braucht, bis das Abendessen aus dem Magen weitergeleitet wird. Ich spaziere sanften Schrittes nebenher, mit dem weisen, geheimnisvollen Lächeln der Sphinx, denn ich weiß, dass zu Hause noch der entscheidende Befreiungsschlag auf mich wartet: Das Aufmachen des Zippverschlusses.

Tja, wie stand es noch einmal auf der Website? „Es ist verdammt hart, eine Prinzessin zu sein. Aber eine muss es ja machen. Und wenigstens ist das Essen gut.“

Übrigens, falls ihr einen tollen Bericht über das Frühstück im Clementine lesen wollt, hier ein Link zu meiner Blogger-Kollegin: Vienna Fashion Waltz

Gebäudefotos: © Palais Coburg

Clementine im Glashaus

Palais Coburg

Coburgbastei 4

1010 Wien

http://palais-coburg.com/kulinarik/clementine/

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3 Gedanken zu “Wer im Glashaus sitzt

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